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Maria und Peter Steffens erheben schwere Vorwürfe gegen die »RTL II«-Produktionsfirma

»Die haben uns das Genick gebrochen«

Schönau am Königssee – Mit den Kochprofis des Privatfernsehsenders RTL II sollte alles besser werden. Maria und Peter Steffens, die Wirtsleute vom Gasthaus und der Pension »Lichtenfels«, sind zwei Wochen nach Ausstrahlung immer noch schockiert. »So, wie die Sendung gezeigt wurde, geht das gar nicht.« Zudem sehen sich die Steffens mit zahlreichen Anfeindungen aus der Bevölkerung konfrontiert. Erst kürzlich spuckte ein Mann Maria beim Einkaufen ins Gesicht.

Hoffen auf einen Neuanfang im Gasthaus »Lichtenfels« (v.l.): Sohn Sebastian, Köchin Sandra, Peter und Maria Steffens sowie Restaurantleiter Alexander. Foto: Anzeiger/Pfeiffer

Dienstagnachmittag, noch hat das Restaurant geschlossen. Draußen scheint die Sonne, im »Lichtenfels« herrscht trübe Stimmung. Peter Steffens ist gesundheitlich angeschlagen. Die letzten Wochen haben den groß gewachsenen Mann sichtlich mitgenommen. Ehefrau Maria, gebürtige Marktschellenbergerin und die Chefin des Hauses, ist mit den Nerven am Ende.

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»Wir dachten, sie könnten uns helfen«

Guter Dinge haben sich die Steffens damals an RTL II gewandt. Dort läuft die Sendung »Kochprofis«. Drei Profiköche erklären Hilfe suchenden Wirten, wie sie es künftig besser machen können. In der Saison läuft das »Lichtenfels« gut. Die neun Pensionszimmer sind dann meistens belegt, die Gäste essen im dazugehörigen Restaurant, häufig bucht ein Urlauber Peter Steffens Dienste, der als zertifizierter Geistheiler arbeitet. In der Nebensaison ist im »Lichtenfels« allerdings kaum was los. »Wir dachten, die Kochprofis könnten uns helfen«, sagt Maria Steffens rückblickend. Allerdings hatten sie nicht damit gerechnet, dass die Wirkung der Sendung so katastrophal ausfallen könnte. Knapp eine Million Zuschauer verfolgte die Episode, die in Schwöb gedreht wurde.

Drei Tage lang begleitete ein zehnköpfiges Team Familie Steffens, die unter 300 Mitbewerbern ausgewählt worden war. Zwei Redakteure, zwei Kamerateams, ein Make-up-Artist und besagte drei Kochprofis. 14 Stunden pro Tag. Immer unter Kamerabeobachtung. Verfolgt wurde jeder Schritt. »Eine Ausnahmesituation«, sagt Peter Steffens. Private Gespräche? Nicht möglich. Die RTL II-Redakteure bestanden darauf, dass jede Unterhaltung gefilmt wird. So kamen weit über 30 Stunden Filmmaterial zusammen, die am Ende auf knapp 40 Minuten zusammengeschnitten wurden. Mit dramatischen Folgen: »Eigentlich wollte ich gar nicht singen«, sagt Maria Steffens, die in der Sendung ihre Sangeskünste zum Besten gab. Immer wieder wurde sie angehalten, doch ein Ständchen abzugeben. Das würde ein positives Bild auf die Familie werfen. Fünf Mal drehten sie die Szene, »ein Schauspiel vom Feinsten«. Was dabei herauskam, ist ein auf wenige Sekunden zusammengeschnittener Einspieler, der ein eher merkwürdiges Licht auf die Darsteller wirft.

Rufmord

Kein Dampfplauderer sei Restaurantleiter Alex, der an diesem Nachmittag auch zum Gespräch gekommen ist. Von den Kochprofis wird er als solcher bezeichnet. Auch, dass die Pensionszimmer wie Arbeiterwohnheime aus den 80er Jahren aussähen, sei nichts weiter als üble Nachrede. »Was der Sender hier gemacht hat, ist Rufmord«, sagt Maria Steffens. Die Familie sieht sich in ihrer Existenz bedroht. Und mit ihr zwei Angestellte, darunter auch die neue Köchin Sandra, gebürtige Königsseerin, die den damaligen Koch Frank beerbt hat. Dieser hatte noch in der Sendung spektakulär das Handtuch geworfen.

Die Kochprofis hatten gleich zu Beginn des Drehs die komplette Winterkarte des Gasthauses geordert. 15 Gerichte, alles auf einmal. 14 davon hatten sie für schlecht befunden, die Kasnocken seien ein »Totalschaden«. »Nur das Hirschragout bekam gute Noten«, sagt Maria Steffens. Grund genug, Kritik am ehemaligen Koch zu üben, der in bewährter Weise mit Fertigpackungen kochte. »Das geht überhaupt nicht, wir wollen frische Ware«, sagt Maria, die über ihren Koch damals kein gutes Wort fand.

Großer Druck, löchernde Fragen

Die Steffens kritisieren im Nachhinein vor allem die Vorgehensweise der Produktionsfirma. »Indirekt wird ein dermaßen großer Druck aufgebaut, dass man irgendwann einfach nicht mehr kann«, sagt Maria Steffens. Die ständige Kamerabeobachtung, nach jeder Szene folgen Einzelgespräche mit löchernden Fragen. »Irgendwann ist man nicht mehr Herr der eigenen Sinne«, sagt Peter Steffens. »Dass man da noch funktioniert, ist sowieso ein Wunder.« Natürlich haben sich die Steffens nach Ausstrahlung der Sendung beschwert. Sie riefen in der Redaktion des Senders an, forderten die Entfernung der Sendung aus dem Netz. Im Internet kann man sich auf Klick bereits gezeigte Folgen ein weiteres Mal anschauen. Die Redaktion stimmte zu, einen Tag später war die Episode gelöscht. »Allein das zeigt schon, dass sich die Produktionsfirma einen Fehler eingesteht«, sagt Maria. Schadensersatz wollen die Steffens nun – oder eine Richtigstellung. In welcher Form auch immer. Denn seit Ausstrahlung bleiben die Buchungen im »Lichtenfels« aus. »Es ruft kaum einer an.« Das Abendgeschäft ist auch nicht besser als zuvor. Das Essen sei zwar mit der neuen Köchin »hervorragend«, jedoch bleibt der große Schwung an Gästen aus. »Wir hatten uns ein deutlich besseres Geschäft erhofft.« Nur am Probeabend, dem Abschlussdrehtag, war das Haus voll. 180 Berchtesgadener hatten einen Platz reserviert, für 40 gab es Platz.

Angespuckt, beschimpft, zerstört

Viel schlimmer sind aber die Anfeindungen, die das Team rund um Familie Steffens erfährt. Beschimpfungen gab es über das Telefon, Randalierer haben die Solarbeleuchtung am Haus zerstört, mehrfach wurden Werbeschilder unterhalb des Hauses umgetreten. Restaurantleiter Alex wurde in einem großen Einkaufsmarkt diffamiert, ein Unbekannter raunte Chefin Maria mit einem ekelerregenden Würgelaut in einem hiesigen Lebensmittelmarkt an, spuckte auf den Boden, dann ihr ins Gesicht. Maria ist fassungslos, sie kämpft mit den Tränen. »Wir haben niemandem etwas getan«, schluchzt sie.

Sandra, die neue Köchin, sei das einzige Positive, was nach dem Marathondreh übrig geblieben ist. »Sie ist eine tolle Köchin, sie macht alles frisch, den Gästen schmeckt es«, sagt Peter Steffens. Der Dreh insgesamt sei ein »Schuss ins Knie gewesen.«

Jetzt wartet die Familie auf den ersehnten Rückruf der Produktionsfirma. Noch hofft sie, dass sich alles zum Besseren wendet. Für den Notfall hat sich Maria schon mal umgehört. In München soll es einen guten Medienanwalt geben. Kilian Pfeiffer