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Die Gerechtigkeit des Markuslöwen

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Zum Schluss der Verdi-Oper »I Due Foscari« gab es großen Jubel für alle Mitwirkenden. (Foto: Aumiller)

Der Machtpoker zwischen dem venezianischen Dogen Francesco Foscari, seinem Sohn Jacopo und ihren Gegenspielern endet unglücklich für Vater und Sohn Foscari. Die beiden Foscaris sind ohnmächtig der Macht des Gesetzes ausgeliefert, das in Gestalt des rachsüchtigen Loredano im Verein mit dem »Rat der Zehn« »Gerechtigkeit« übt und dem Sohn Mord und Staatsverrat anlastet.


Zu spät kommt die Kunde von Jacopo Foscaris Unschuld. Auf dem Weg ins Exil ist er gestorben. Nun wird auch noch der Vater seines Dogenamtes enthoben und der greise Foscari bricht aus Kummer über sein Unglück tot zusammen, als die Glocken des Markusdoms die Wahl des neuen Dogen verkünden.

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Dennoch hat die traurige Geschichte in der konzertanten Salzburger Festspielaufführung einen überaus glücklichen Schluss, weil sich die Zuhörerschaft im Großen Festspielhaus einheitlich von den Sitzen erhob und voller Begeisterung über den spannenden, unvergesslichen Opernabend in lautstarken Jubel ausbrach.

Der junge Giuseppe Verdi hat in seiner 1844 entstandenen Oper nach dem Stoff von Lord Byrons Schauspiel »The Two Foscari« das vokale Gewicht in erster Linie dem greisen Dogen und seiner Schwiegertochter Lucrezia in die Kehlen geschrieben.

Plácido Domingo ist der Doge Francesco Foscari, der zu sich sagt, »o du altes Herz, das in meiner Brust schlägt wie in jungen Jahren«, und das kann Domingo auch für sich in Anspruch nehmen. Nach wie vor, nach über 55 aktiven Bühnenjahren, besticht seine unverwechselbare besondere Stimmfarbe, auch jetzt in der tieferen Lage der Baritonrolle. Sein emotionaler Einsatz im Verbinden von textlichem Gehalt in Kongruenz mit dem vokalen Ausdruck überträgt sich unmittelbar beeindruckend und zieht den Zuhörer voll ins Geschehen.

Foscari ist zerrissen zwischen Dogenpflicht und Vaterliebe und ist »als Fürst wie als Vater unglücklich«, weil er dem Zehnerrat nachgeben muss: »Aber euer Wille ist Gesetz, die Gerechtigkeit hat ihre Rechte...im Angesicht werde ich der Doge sein, im Herzen der Vater.« Wie Domingo den greisen gramgebeugten Dogen singt, im gestaltenden Format ebenso wie auch stimmtechnisch, ist nicht nur überzeugend, sondern phänomenal. Überdies ist seine Ausstrahlung magnetisch für das Auditorium.

Einen jungen blühenden Sopran bringt die Chinesin Guanqun Yu ins Spiel. Dramatisch im Einsatz und virtuos in der Koloratur meistert sie die schwierige Partie der Lucrezia mit brillanter Höhensicherheit. Entschlossenheit zeigt sie in einer vielseitigen Skala zwischen flehender Verzweiflung, bittender Liebe und wilden Rachegelüsten über die erlittene Ungerechtigkeit und den bitteren Verlust des Ehemannes.

Der maltesische Tenor Joseph Calleja gibt den jungen Foscari. Sein heller Stimmglanz hat mit den Jahren zugelegt an Strahlkraft und Ausdruck. In seinen wenigen Arien zeigt er sich kraftvoll, aber auch nuanciert mit schimmernden, nicht ganz freien Höhen, und voller Bitterkeit, etwa beim fernen Lied der Gondolieri, wenn er ausruft »dort lacht man, hier stirbt man«. In kleinen Partien fügen sich Roberto Tagliavini als Loredano, der Barbarigo von Bror Magnus Tødenes und die Pisana von Marvic Monreal stichwortgebend ins Klangbild.

Der italienische Dirigent Michele Mariotti hat die Musik im Blut. Spannend fächert er Verdis Partitur auf, nuancenreich, dynamisch vielfältig, in strikter Rhythmik ebenso wie im flexiblen Nachgeben wo nötig. Da fühlen sich die Tempi einfach »richtig« an. Das Mozarteumorchester reagiert sensibel mit zauberischen Soli der Klarinette und Flöte sowie mit den kammermusikalischen Passagen von Cello und tiefen Streichern, kann aber auch füllig auftrumpfen in der Italianitá des frühen Verdi. Der Philharmonia Chor Wien bringt sich klangedel oder forsch ein (Einstudierung Walter Zeh), gibt mal im Hintergrund die fröhlichen Gondolieri, auch den bestimmenden Zehnerrat oder das »die Gerechtigkeit des Löwen« fordernde Volk. Elisabeth Aumiller

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