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Die Geburt der Musik aus der Kammer

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Mit einem Orchesterkonzert des Freiburger Barockorchesters wurde heuer das Kammermusik-Festival Festivo in der Festhalle Hohenaschau eröffnet. (Foto: Erkes)

Darf ein Festival für Kammermusik mit einem Orchester-Konzert starten? Natürlich darf es das, im Gegenteil: Ein solcher Abend ist notwendig, um die fundamentale Bedeutung der Kammermusik zu begreifen. Selbst ein groß besetztes Sinfonieorchester kann wie ein Kammer-Ensemble wirken, wenn es aus diesem Geist heraus agiert. Das wissen große Dirigenten wie Claudio Abbado, Bernard Haitink, Mariss Jansons oder Simon Rattle.


Umso sinnstiftender war die Eröffnung des Aschauer Festivo. Mit dem Freiburger Barockorchester präsentierte sich in der Festhalle Hohenaschau ein Originalklang-Ensemble der absoluten Spitzenklasse. Sie pflegen die historische Aufführungspraxis, will heißen: Gespielt wird auf historischen Instrumenten oder Kopien. Die Wahl der Tempi sowie die Artikulation und Phrasierung folgen einem profunden Quellen-Studium.

Alle Instrumente sind tiefer gestimmt als heute üblich. Die Streicher spielen nicht auf Stahlsaiten, sondern mit Darmsaiten. Das Ergebnis in Aschau: Gerade die Streicher klingen in der tiefen Grundstimmung viel entspannter und zugleich agiler. Und wer die historische Flöte von Daniela Lieb oder die Barock-Oboe von Katharina Arfken gehört hat, kann den Klang der modernen Bläser nur schwer ertragen.

Vor allem aber wurde das Konzert eine »Geburt der Musik aus dem Geist der Kammer«: frei nach Friedrich Nietzsche. Die Freiburger spielten Johann Sebastian Bach und Antonio Vivaldi ganz ohne Dirigent: wie damals üblich. Tatsächlich ist die Orchesterkultur historisch aus der Kammermusik gewachsen. Als eine Art Anleiterin fungierte in Aschau die wunderbare erste Geigerin Petra Müllejans.

Ein absolut gleichberechtigtes Musizieren ist herausgekommen, ganz auf Augenhöhe. Alle Musiker waren Kammer-Solisten, spielten sich die Bälle zu: ein Dialog unter mündigen Gleichgesinnten. In der »Hochzeits-Kantate« sowie der Kantate »Non sa che sia dolore« von Bach war selbst die Vokalsolistin Anna Lucia Richter konsequent Teil eines großen Ganzen. Genau diese Haltung hat Richter mustergültig gelebt.

Ihre Stimme hat die Sopranistin als zusätzliche Farbe eines in sich stimmigen, harmonischen Ensemble-Klangs begriffen. Wie die Musiker sang auch Richter mit moderat und bewusst eingesetztem Vibrato, um auch ganz auf dieses Mittel zu verzichten. Hierin ähnelt sie der Sopranistin Julia Lezhneva, die sich vor zwei Jahren bei der Festivo-Eröffnung präsentiert hatte. Es ist die junge Sänger-Generation, die die »genormte Gesangskultur« kritisch befragt.

Was hier heranwächst, ist aufregend. Auch Richters betörend luzider, schlanker, glasklarer Gesang war jetzt ein Ohrenschmaus allererster Güte: Jedes einzelne Wort und jedes noch so kleine Detail war absolut durchhörbar. Mit dem Prinzip des Gemeinschaftlichen wurden ebenso das Concerto op. 3/11 von Vivaldi sowie Bachs Konzert BWV 1064R mit drei Violinen verlebendigt.

Auch hier waren die Solisten Gottfried von der Goltz, Anne Katharina Schreiber und Müllejans nur Glieder eines großen Ganzen. Selbst die Orchester-Suite Nr. 3 BWV 1068 von Bach war eine größer besetzte Kammermusik. Hier wurde nicht zuletzt die berühmte »Air« rehabilitiert: bestens bekannt aus vielen Filmmusiken. Doch statt sie kitschig und getragen zu zelebrieren, blieb auch hier alles in Fluss und Puls. Denn die Musik von Bach und Vivaldi ist zudem eine »Geburt aus dem Geist des Tanzes«: ein starker Auftakt! Marco Frei