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«Der Wald geht. Der Wald bleibt»: Räumung im Hambacher Forst

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Hambacher Forst
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Polizisten stehen vor einem dreibeinigem Hochsitz. Die Behörden wollen mit Räumungen im Hambacher Forst beginnen. Foto: Jana Bauch Foto: dpa

Es ist der Tag, den Aktivisten im Hambacher Forst seit Langem erwartet haben - die Polizei greift ein. Mit einer kreativen Begründung.


Kerpen (dpa) - Freddy sitzt zehn Meter hoch über dem Waldboden. Er trägt Mütze, Brille und Gesichtsvermummung. Sein Körper ist in gold- schimmernde Rettungsfolie gehüllt, gegen die Kälte. Freddy ist, das muss man ihm in jedem Fall lassen, ein Kommunikator.

Immer wieder appelliert er mit lauter Stimme an die Polizisten am Boden: Wollen Sie wirklich dabei mithelfen, einen alten Wald zu vernichten? Wollen Sie Baumhäuser zerstören, in denen manche Menschen schon sechs Jahre wohnen? Und all das für die Kohle, die das Klima anheizt? «Die Befehle, die Ihr ausführt, sind Verbrechen!», ruft er. In 20, 30 Jahren werde niemand mehr verstehen, was an diesem Septembertag im Hambacher Forst geschehen sei.

Tief unter Freddy spielt sich eine merkwürdige Szene ab. Joachim Schwister, Baudezernent der Stadt Kerpen, spricht in ein Megafon: «Achtung! Achtung!» In peniblem Verwaltungsdeutsch verkündet er dann das, was die Eskalation um den Hambacher Forst, in dem RWE im Herbst weiter roden will, auf eine neue Stufe hebt. «Die Baumhäuser verfügen nicht über erforderliche Rettungswege», sagt er. Sie seien unverzüglich zu räumen. Auch der Brandschutz sei ein Problem. «Bitte nehmen Sie beim Verlassen der Baumhäuser Ihre persönlichen Gegenstände mit.»

Die Gegenseite reagiert mit Gelächter. Ein junger Mann mit Vollbart lehnt sich hinunter und ruft: «Heißt du Darth Vader oder Lord Voldemort?»

Es ist nicht etwa Widerstand gegen die Staatsgewalt oder RWE, der den Waldbesetzern zu diesem Zeitpunkt vorgeworfen wird, es sind Verstöße gegen das Baurecht, den Brandschutz. Kurios dabei: Während der großen Trockenheit im Sommer geschah nichts, jetzt ist der Wald nach stundenlangem Regen feuchtnass.

Das Ultimatum von einer halben Stunde verstreicht. Dann fährt ein Forstfahrzeug mit Greifer auf den Waldweg und räumt die erste Barrikade aus Stöcken und Ästen weg. Polizisten lösen eine Sitzblockade am Boden auf - die Kirchenleute lassen sich ohne Widerstand wegtragen.

Ein Laster mit Hebekran fährt vor. Unter Freddys Pfahlbau pumpen Polizisten ein großes weißes Luftkissen auf. «Seid vorsichtig» mahnt er. «Wenn ich hier runterfalle, bin ich tot.» Kurz darauf wechselt er an einem Seil von seiner Einzelplattform auf eine größere: «Ich hab' keine Lust, mich verhaften zu lassen.»

Der Polizeieinsatz gehört nach dpa-Informationen zu den größten der jüngeren NRW-Geschichte. Aus ganz Deutschland kommen Beamte, darunter Spezialisten für Einsätze in großer Höhe. Rund 50 Baumhäuser gibt es im Hambacher Forst. Man bekommt einen Eindruck davon, wie mühsam und damit langsam ihre Räumung abläuft. Die Aktivisten in den Hütten halten den Forst besetzt, um seine Rodung zu verhindern. Einige von ihnen haben sich seit Jahren auf diese Situation vorbereitet und machen es den Polizisten so schwer wie möglich.

RWE will den schon in großen Teilen abgeholzten Wald zwischen Köln und Aachen im Oktober weiter roden, um die Braunkohle unter ihm ausbaggern zu können. RWE gehört der Wald auch. Vor einer Rodung muss er geräumt werden, das war allen klar. Dass die Behörden - an erster Stelle das NRW-Bauministerium - nun mit dem Baurecht argumentieren und nicht mit der Braunkohle, ist eine Pointe des jahrelangen Ringens um den Wald.

Immer weiter, ganz langsam, arbeiten sich die Einsatzkräfte in den Wald vor. Auf einer Holzplattform sitzt ein Aktivist und zupft Blätter von einer Pflanze. «Der Wald geht. Der Wald bleibt. Der Wald geht. Der Wald bleibt», wiederholt er monoton unter den Augen der Polizisten. Man ahnt, welchen Ausgang er sich in dieser Frage wünscht. Für den Hambacher Forst ist es endgültig kurz vor zwölf.