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Der visionäre Blick und die Liebe im Weltall

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Gute Botschaften aus dem Weltall übermittelten musikalisch (von links) Laurent Bardainne (sax/perc.), Thomas de Pourquery (sax) und Fabrice Martinez (tp). (Fotos: Klinge)

Wozu bei der Programmierung eines Festivals für improvisierte Musik noch eine gemeinsame Linie, einen roten Faden in den unendlichen Weiten der heutigen Jazz-Szene finden wollen, wenn sich schon jedes einzelne Mitglied jedes Ensembles auf eine Vielzahl an Stilkategorien und Einflüssen beruft – ganz abgesehen vom ureigenen Personalstil eines jeden Musikers?


Dabei stehen wir erst am Anfang einer sich immer schneller vernetzenden, schier unüberschaubaren Entwicklung, in der kulturelle Begegnungen künstlerisch umgesetzt werden, die noch vor kurzem undenkbar schienen. Entscheidend für ein künstlerisches Fortschreiten ist aber nicht, dass etwas Neues gemacht wird – nur weil es heute technisch so leicht möglich ist: Entscheidend ist die Idee, die am Anfang steht, bis zu deren Umsetzung – trotz möglicher Kommunikation in Lichtgeschwindigkeit – oft viele Jahre vergehen.

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Auch insofern kann die alljährliche Saalfeldener Nabelschau für improvisierte Musik keinen repräsentativen Überblick über die globale Szene liefern – allenfalls lassen sich ansatzweise Verbindungslinien, Schwerpunkte skizzieren - bezogen auf die formal-ästhetische Herangehensweise, den visionären Blick auf die Historie, die Ausreizung des Spannungsfeldes zwischen Komposition und Improvisation. Genau dies ist der 37. Ausgabe des Internationalen Jazzfestivals Saalfelden gelungen. Ohne Superstars als Zugpferde. Ohne »jazzige« Gefälligkeiten. Kein Schonwaschgang in Sicht – vielmehr: Sperriges, Unbequemes, Verstörendes, gelegentlich Unberechenbares – inklusive ironischer Brechungen, sogar waschechter Humor hat hier kein Hausverbot. Und die Zuhörerschaft? 100 Prozent echte Fans!

Solo-Performance mit imaginärem Duo

Wie sonst ist erklärbar, dass bei brütend heißer Badewetter-Sonne mehrere hundert Menschen im brechend vollen Kunsthaus Nexus gebannt der Solo-Perfomance des Münchner Weltklasse-Bassklarinettisten Michael Riessler lauschen? Okay, »Solo-Performance« ist nicht ganz korrekt. Riessler steht zwar alleine auf der Bühne, in seinem Projekt »Double Fond« führt er jedoch ein reflektierendes Gespräch mit sich selbst. Eine Solo-Aufzeichnung anno 2015 dient ihm dabei als Einladung für ein imaginäres Duo. Mit seiner – selbst für den Zuhörer – atemberaubenden Zirkular-Atemtechnik und dem Spiel mit den Zeitebenen bleibt der sich ständig ändernde Klangraum in einem einstündigen Spannungsbogen nachhaltig im Fluss – bis die Zeit stehen bleibt. Minimalistische, tranceartige Ekstase, durchbrochen von gelegentlich eruptiven Anwandlungen, Richtungswechseln. Wie der sympathische Endfünfziger dem Rezensenten anschließend verriet, plant Michael Riessler eine Fortsetzung dieses Projektes, bei der wiederum das filmische Material, das parallel Bestandteil der Ur-Perfomance war, in eine neue Dimension des »instant composing«, also des Komponierens in Echtzeit, führen soll.

In eine – für unsere westlichen Hörgewohnheiten – definitiv neue Dimension (ent)führte das koreanisch-australische Trio »Chiri«: Was der koreanische Sänger im graublauen Kittel und mit sublim theatralisch inszeniertem Fächer vollführt, sprengt hiesige Vorstellungen von Hör-Ästethik vollkommen: Befeuert von den hypnotischen Trommelschlägen des Australiers Simon Barker und den freitonalen Trompeten-Salven seines Landsmannes Scott Tinkler wühlt sich der koreanische Vokalist Bae Il Dong wehklagend durch existenzielle Epen über die Liebe, den Tod, zuletzt auch ein Märchen – schreiend, winselnd, brüllend, röhrend, grollend. Gleichsam wohl auch zum Zwecke einer Selbst-Katharsis. Ansatzweise allenfalls vergleichbar mit der Intensität der archaischen Blues-Shouts aus dem ländlichen, schwarzen Amerika der 20er Jahre, jedoch ohne deren harmonisches Korsett. Eine Saalfeldener Sternstunde!

Kommt der Walzer aus Wien oder vom Saturn?

Eine Sternstunde gleich kosmischer Dimension entfachte in sternenklarer Nacht der französische Saxofonist Thomas de Pourquery auf der Bühne des Kongresshauses. Mit seinem eigens für dieses ehrgeizige Projekt zusammengestellten Sextett »Supersonic«, dessen Protagonisten eher in Rock-Gefilden, Electro und Drum’n’Bass tätig sind als im Jazz-Kontext, lieferte Pourquery höchst eigenständig den überzeugenden Beweis, dass der adäquate Umgang mit dem Lebenswerk des legendären Sun Ra in der Mutation eines entschlackten, zeitgemäßen Sound-Gewands durchaus richtungsweisend sein kann – ohne das Original auf nostalgische Weise bloß imitieren zu müssen. So kommen einige der Sun Ra-Über-Klassiker wie »Space is the place«, »Love in outer space« oder »Disco 2100« mal bedrohlich stampfend wie ein elektrifizierter mittelalterlicher Spielmannszug, mal unschuldig herzhaft swingend im Dreivierteltakt daher, dass man nicht mehr sicher sein konnte, ob der Walzer der Neuzeit in Wien oder dessen Ursprung doch besser auf dem Saturn zu verorten sei.

Verortungsirritationen dieser Art verschaffte das ebenso präzise wie anrührend agierende Quintett des französischen Sopransaxofonisten Emile Parisien nicht. Mit dem herausragend spielwitzigen Klarinettisten Michel Portal und dem nicht minder präsenten Pianisten Joachim Kühn entfaltete das Ensemble einen musikalischen Reigen, der leichtfüßig changiert zwischen folkloristischen Traditionen aus der Heimat des Bandleaders, freien Jazz-Abstraktionen und kompositorischen Techniken der Neuen Musik. Nichts wirkt hier angestrengt, konstruiert, erzwungen. Es ist, als gäbe es nichts Einfacheres, als Musikhistorie mit einem visionären Blick in die Zukunft zu verbinden, nur um beide im Hier und Jetzt in voller Vitalität und Grandezza erblühen zu lassen.

Weitere Highlights: Das Sextett des US-amerikanischen Saxofonisten Marty Ehrlich mit einem immer noch überragend virtuosen Ray Anderson an der Posaune; umwerfend die musikalisch-verqueren Ungustln des österreichischen Trios »Edi Nulz«, die sich inspirativ auch mal alte DDR-Amiga-Beat-Sampler, alte Latino-Scheiben oder kaputte Surf-Musik reinziehen; die bestechend kreuzfidele Wiederauflage des 1989 gegründeten Quartetts »Human Feel« um die nimmermüden Jim Black (drums) und Chris Speed (sax); schließlich das rhythmisch wie strukturell hochexplosive Amalgam des Projekts »A Novel of Anomaly« um den Schweizer Vokalisten Andreas Schaerer (ein »...psychotischer Al Jarreau, ...manisch und depressiv zugleich.«) und den bestechend wandelbaren, seelenvollen Akkordeonisten Luciano Biondini.

Trend hin zu mehr europäischen Formationen

Völlig ungeniert retro steuerte das viertägige Avant-Jazzfestival, das insgesamt einen wachsenden Trend hin zu mehr europäischen Formationen aufzeigte, dann auf das Grande Finale zu – und zwar mit Hilfe einer ur-amerikanischen 10-Mann-Truppe um den beseelten Trompeter/Dirigenten Steven Bernstein und das sagenhafte New Orleanser Pianisten/Sänger-Original Henry Butler, die exklusiv nach Saalfelden angereist waren, um das kongeniale musikalische Erbe von New Orleans mit Verve, Fingerspitzengefühl und einem Feuerwerk an Ideen glaubhaft in die Zukunft zu retten. Danke, Saalfelden 2016! Norbert Klinge

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