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Der Sinn hinter den Noten

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Auf der Rückreise von einer großen Westeuropatour, bei der die Eltern ihre beiden musikalisch begabten Kinder Nannerl und Wolfgang in Paris, London, Brüssel oder Amsterdam der Öffentlichkeit präsentiert hatten, machte die Familie Mozart 1766 Station im Kloster Seeon.


Speziell für die Gottesdienste der Seeoner Benediktiner-Mönche komponierte der junge Mozart das Offertorium »Scande Coeli Limina«. Eine uralte Verbindung, die bis heute lebendig ist, wie in diesem Jahr bei der 24. Mozartwoche im Kultur- und Bildungszentrum Kloster Seeon wieder deutlich wurde. Das wohlüberlegt zusammengestellte Programm spiegelt Mozarts Vielseitigkeit und Offenheit wider.

Wer nebst Hörgenüssen Interesse an Mozarts Gesinnungen hatte, der konnte in dem Vortrag »Mozarts Freimaurermusiken«, den Wolfgang Brunner im Klosterstüberl hielt, seinen Wissensdurst löschen. Wolfgang Brunner ist Dozent für Historische Tasteninstrumente an der Universität Mozarteum in Salzburg und hat sich intensiv mit Mozarts Freimaurerwerken, die in Mozarts letzten sieben Lebensjahren entstanden sind, befasst. Den hoch konzentrierten Mozartfreunden gewährte Brunner nicht nur in Worten, sondern auch anhand von musikalischen Einspielungen oder kurzen Demonstrationen am Klavier einen Einblick in verdeckte musikalische Symbole und metapherhafte Hintergründe, die aus diesen Kompositionen herauszuhören sind.

Mozart wurde im Herbst 1784, wahrscheinlich auf Veranlassung seines Freundes Freiherrn Otto von Gemmingen, in die Wiener Loge »Zur Wohltätigkeit«, die später in die Bauhütte »Zur Neugekrönten Hoffnung« übergeführt wurde, aufgenommen. Außerdem besuchte er ständig auch die Arbeiten der Loge »Zur wahren Eintracht«, in der er 1785 im Delegationsweg zum Gesellen befördert wurde. Bernhard Paumgarter, einst Direktor des Salzburger Mozarteums, schrieb: »Zweifellos haben die menschenfreundlichen und großzügigen Bestrebungen der Freimaurer, ihr Kampf gegen Aberglauben und Gewissensenge, die idealen Grundsätze gegenseitiger Forderung und brüderlicher Gleichberechtigung das empfindliche Gemüt Mozarts lebhaft gewonnen«.

Als begeisterter Freimaurer fand Mozart also im Kreis der »Wiener Brüder« sowohl Freundschaften als auch geistige Anregung. Von seinem ihn ausbrennenden Arbeitsalltag zwischen Unterrichten, Komponieren und Konzerttätigkeit fand Mozart in der Logenarbeit Ausgleich. Der geistige Austausch mit Gleichgesinnten, die Beschäftigung mit Esoterik, mit Symbolsprache, das Spiel mit Worten sowie das Denken in Metaphern entspannte und inspirierte ihn. Heute kommen seine großartigen Kompositionen für rituelle Feiern der Freimaurer – die »Zauberflöte« ausgenommen – leider nur selten zur Aufführung.

Umso interessanter empfand das Seeoner Publikum die fast schon musikwissenschaftlichen Analysen Brunners, in denen er einzelne Freimaurerwerke entschlüsselte und im Detail unter die Lupe nahm. Am Beispiel von »Maurerische Trauermusik KV 477«, »Die ihr des unermesslichen Weltalls Schöpfer ehrt KV 619« oder Mozarts 1791 in Wien uraufgeführter Freimaurerkantate KV 623 »Laut verkünde unsere Freude«, welche zugleich sein letztes vollendetes Werk war, erläuterte Brunner den »Sinn hinter den Noten«: Den Einsatz der Bassetthörner als Assoziation zu nahendem Tod, den Einsatz der Streicher, die Verzweiflung und Unheil ankündigen, den tröstlichen Einsatz des Bläserchorals – feierlich und trotzdem in innerlichem Aufruhr oder den Wechsel von Tonarten als spürbares Pendant für Emotionsveränderung. Ja sogar Herzklopfen hat Mozart in seine Freimaurermusik hineinkomponiert.

Nachdem Mozart bekanntlich ein vielschichtiger und unruhiger Geist war, erlebte man Brunners Vortrag über das »gereifte« Wesen des Genies und die in Metaphern übertragenen Tondichtungen seiner letzten Schaffensperiode als eine Art »guten Ausgang«. Für diesen nun geschärften Blick, oder besser ausgedrückt für das »veränderte Hören« von Mozarts letzten Werken bedankten sich die Gäste im voll besetzten Klosterstüberl mit begeistertem Applaus. Kirsten Benekam