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«Der seidene Faden»: Großes Drama mit Daniel Day-Lewis

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Der seidene Faden
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Daniel Day-Lewis in seiner vielleicht letzten Rolle. Der Schauspieler will sich vom Kino zurückziehen. Foto: Laurie Sparham/Focus Features Foto: dpa

Gerade einmal acht Spielfilme hat Paul Thomas Anderson in zwanzig Jahren gedreht. Sein neuestes Drama handelt von einem Modedesigner, der sich in eine Kellnerin verliebt. Hauptdarsteller Daniel Day-Lewis hat den Film aus einem besonderen Grund noch nicht gesehen.


New York (dpa) - Im Englischen beschreibt der Begriff «Phantom Thread» einen Faden beim Nähen, der eigentlich gar nicht da ist: Wie beim Phantomschmerz haben wohl früher die Hände viktorianischer Näherinnen nach der Arbeit einfach weiter Arbeitsbewegungen ausgeführt; seitdem gibt es die Bezeichnung.

Nun ist das auch der englische Originaltitel von dem Werk «Der seidene Faden» - ein Mode-Drama im Großbritannien der 1950er Jahre, das nicht nur exzellent besetzt ist, sondern die Zuschauer auch mit einer unterkühlten hitchcockartigen Liebesgeschichte in Atem hält. Regisseur Paul Thomas Anderson geht darin meisterhaft der Frage nach, welche Fäden eigentlich eine Beziehung im Zentrum zusammenhalten.

Erzählt wird die Geschichte des (erfundenen) Mode-Designers Reynolds Woodcock, der mit viel Auge fürs Detail hochwertige Stücke für die Hochzeiten von Königshäusern entwirft und auch schon einmal genervt ist, wenn eine Trägerin seiner Kreation sich in der Robe allzu sehr dem Alkohol hingibt.

Ebenso besessen ist er von den Alltagsdetails seines Lebens: Frauen, die nicht bis zum Letzten seinen Vorstellungen einer unsichtbaren Begleiterin entsprechen, lässt er rigoros von seiner Schwester das Ende der Beziehung ausrichten. Schließlich lernt Woodcock aber bei einer Landpartie die Bedienung Alma kennen, die zunächst nur wie die neueste Muse seiner langen Parade wirkt, aber ihm schließlich nach und nach klar macht, warum er auch nicht ohne sie auskommen wird.

Es geht wie so oft bei Anderson um die Krise des männlichen Genies, ein Thema, dem er sich vor fast zwanzig Jahren schon mit Tom Cruises Figur des Meisterverkäufers Frank T.J. Mackey in «Magnolia» gewidmet hat und das sich bis in seinen vorletzten Film «The Master» mit Joaquin Phoenix und Philip Seymour Hoffman durchzieht. Im mit Preisen überhäuften Öl-Drama «There Will Be Blood» arbeitete Anderson schon einmal mit dem Darsteller von Reynolds Woodcock zusammen: mit Daniel Day-Lewis.

Dass der 60-Jährige dreifache Oscarpreisträger den Modedesigner gewohnt exzellent spielt, bedarf kaum einer gesonderten Erwähnung. Auch hier hat er sich der Rolle wieder zu einhundert Prozent verschrieben, Teile des Dialogs mitgeschrieben und sogar Schneidern gelernt sowie einige Stücke der Garderobe seines Charakters entworfen. Anders als Ölbaron Daniel Plainview lebt Woodcock aber seine Wut und seinen Perfektionismus ruhig und grüblerisch aus.

Mit der Luxemburgerin Vicky Krieps, auf die Anderson nach ihrer Hauptrolle in «Das Zimmermädchen Lynn» aufmerksam wurde, hat er eine würdige Gegenüber gefunden, auch sie legt in einen Blick mehr Tiefe als andere in zwei Drehbuchseiten Dialog. Gekrönt wird das Ensemble von Lesley Manville als Woodcocks Schwester Cyril, der Figur mit dem dunkelsten Humor des Films.

Wunderbar gelungen sind zudem die Kostüme von Mark Bridges und der Soundtrack, geschrieben von Jonny Greenwood, Gitarrist der Band Radiohead. Kleider und Musik übernehmen mit ihrem treibenden, dunklem Understatement beinahe zusätzliche Hauptrollen.

Nicht ahnen konnte das Team hingegen, dass ihr Film über ungesunde Männlichkeitsrituale und die vielen Arten des Missbrauchs zwischen Männern und Frauen beim Erscheinen in Hollywood so zeitgemäß sein würde. Mit überraschend starken sechs Oscarnominierungen zählt «Der seidene Faden» zurecht zur Spitzengruppe eines Film-Jahrgangs, in dem Spitzentitel wie «Three Billboards outside Ebbing, Missouri» und «Get Out» sowohl künstlerisch überzeugen können als auch zeitgeschichtlich etwas zu sagen haben.

Selbst wenn das Modedrama nicht zu den ganz großen Favoriten zählt und Day-Lewis wohl gegen den favorisierten Gary Oldman als Winston Churchill in «Die dunkelste Stunde» den Kürzeren ziehen wird, so zählt der unterkühlte Rosenkrieg doch zu den gerechtfertigten Überraschungen der Nominierungsliste.

Die Diskussion darüber, wie preiswürdig seine Leistung wirklich ist, wird Daniel Day-Lewis aber nicht bis ins letzte Detail nachvollziehen können: Der Schauspielstar will den fertigen Film nicht schauen. Der Superstar hatte angekündigt, dass Woodcock seine letzte Rolle sein solle und erklärt, dass er aus Wehmut den Film vermeiden wolle - klingt nach etwas mehr als nur Phantomschmerz.

Der seidene Faden, USA 2017, 131 Min., FSK ab 6, von Paul Thomas Anderson, mit Daniel Day-Lewis, Vicky Krieps, Lesley Manville

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