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Der Mensch im Tier

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Nur Ärger mit den Menschen haben Chrissy (Christoph Wieschke) und Timmy (Tim Oberließen). (Foto: Landestheater)

Im Salzburger Landestheater geht es zurzeit tierisch komisch zu. Regisseur und Autor John von Düffel widmete sich mit »Die schönsten Neurosen unserer Haustiere« exzessiv seiner skurril-schrägen Seite.


Nach der gefeierten »Caligula«-Inszenierung mit Ben Becker in der Hauptrolle, bei der er Regie geführt hat, lässt er nun keinen Zweifel daran aufkommen, dass er beides kann – Tragödie und Komödie. »Die schönsten Neurosen unserer Haustiere« entstand als Auftragswerk im Rahmen des Freispiel-Autorenfestivals, wo es weniger als Uraufführung denn als eine experimentelle »Werkstatt-Inszenierung« gelten soll.

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Den fünf »auserwählten« Ensemblemitgliedern, die er aus anderen Produktionen des Hauses kannte, schrieb Düffel die Rollen auf den Leib: Genia, mit dem großen Hund (Genia Maria Karasek), Christoph, genannt Chrissy (Christoph Wieschke), Tierpsychiater Dr. Dott (Marco Dott), Filmhund Timmy in langen Unterhosen (Tim Oberließen) und Catwoman (Elisa Afie Agbaglah). Maßgeschneidert, typgerecht, besser noch »artgerecht« waren (Hunde und Katzen-)Kostüme (Karin Rosemann) und Musik und Videotechnik (Phillip Hohenwarter und Matthias Peyker).

Erklärtes Ziel Düffels war es, die Themen der #Metoo-Debatte auf unseren Umgang mit Haustieren zu übertragen. Eine Komödie sei eine gute Möglichkeit, sich einem Tabu zu nähern. Jeder Komödie, so Düffel, liege ein ernstes Thema zugrunde. Wer kennt das nicht: Man begegnet Herr oder Frau mit Hund und meint zwischen den beiden eine frappierende Ähnlichkeit zu erkennen. Der Hund fürs Leben! Das »Tier« wird zum »Allrounder«, ersetzt Partner, Therapeut, löst Glücksgefühle oder aber Aggressionen aus, ist Seelentröster und zugleich Machthaber über den labilen Gemütszustand des Herr- oder Frauchens. Er geht zur (Hunde-) Schule, damit er gehorcht (oder eben nicht), zum Friseur, manchmal auch zum Osteopathen.

Aber will Hund dieses Hundeleben? Will Hund betätschelt, bequatscht, frisiert oder bekleidet werden, wenn es beim Gassi gehen regnet? Die hyperaktive Single-Dame Genia ist sich sicher: Der Riesenschnauzer Chrissy mit dem rührseligem Dackelblick ist die (Hunde-) Liebe ihres Lebens. Nach langer Suche per App hat sie sich in ihn verliebt und den hinter den Gittern eines Tierheims sitzenden »Zottelbären« befreit um mit dem Vierbeiner, der längst keiner mehr ist, ihr Leben zu teilen.

Doch bald kriselt es zwischen den beiden: Chrissy entpuppt sich zum fressens- und faulseins-orientierten Superarschloch und somit zu einem haarigen Problem. Schmusen? Spielen? Gassigehen? Fehlanzeige! Stattdessen exzessive Nahrungsaufnahme – Chips und Schokolade, dazu Dosenbier. Das ist nicht normal, findet Genia. Hat er eine Depression? Frauchen will Abhilfe schaffen und konsultiert den TV-Tierpsychiater Dr. Dott. Der ist in gewisser Weise selbst betroffen und hat sich durch Desensibilisierungsmaßnahmen selbst von seiner »101-Dalmatiner-Hunde-Phobie« kuriert. Wenn’s hilft!

Chrissy dackelt, wenn auch mürrisch, mit und während eher das Frauchen vom Doktor auf körperlicher Ebene »therapiert« wird, lernt der Riesenhund den traumatisierten Filmhund Timmy kennen. Timmy hasst seine Arbeit am Set, fühlt sich missbraucht. Ihm sagt Mensch nach, er halluziniere, er sei ein echter »Schisser« und immer auf der Flucht vor einer ominösen »Catwoman«.

Das schwarze Katzenwesen, angebliche Ausgeburt seiner kranken Hundefantasie, schleicht dem ängstlichen Rüden nicht gerade auf Samtpfoten hinterher. Es faucht, es zischt, speit Gift und Galle. Von Rachegelüsten getrieben lauert es ihm auf, mal sitzt es auf der Brüstung des Balkons zwischen den Zuschauern, dann schleicht es wieder durch die Kulisse der Bühne. Unheimlich – unheimlich lustig und unheimlich gut gespielt. Besonders weil die überschießende Aggressivität Catwomans sich zunächst dem Zuschauer einfach nicht erschließt.

Als alle Fäden langsam zum wahnwitzigen Handlungsstrang zusammenlaufen, sich die Halsbänder, Fesseln und Leinen lösen, wird klar, dass die Tiere menschlicher sind als die Menschen. Die beiden so unterschiedlichen Hunde schließen Freundschaft. Catwomans Hass auf Timmy klärt sich auf: Nach einer Entschuldigung ist alles gut. Tierisch menschlich. Oder menschliche Tiere, wie man will. Hunde knurren oder wedeln mit dem Schwanz. Katzen fauchen oder schnurren. Klare Ansagen. Und Menschen? Menschen reden, zerreden, gehen in Therapie und machen sich »ihr« Tier zum Menschen und sich damit selbst zum Tier.

Düffels Idee hat, könnte man meinen, »therapeutische« Ansätze. In schräg komischen Szenen konfrontiert er, bringt er zum Lachen, schafft er durch karikierte Überzeichnungen für Menschen peinliche Wahrheiten, hält den Spiegel vor, in dem Mensch vor seinem animalischen Antlitz erschrickt. Wer hat nun Therapiebedarf? Vielleicht lag es daran, dass in der zweiten Vorstellung wenig gelacht wurde. Eiskalt erwischt oder einfach zu neurotisch? Das Ensemble, so viel steht fest, tanzte, sang und spielte sich frei und lebte, ganz offen und ungeniert, seinen neurotisch-zwanghaften Hang zur Spielfreude aus. Kirsten Benekam

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