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Der Klangrausch öffnet alle Tasten

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Karin Kei Nagano (rechts) und ihre Mutter Mari Kodama nehmen den Beifall entgegen. (Foto: Janka)

Mit neun Jahren spielte sie schon einmal in der Villa Sawallisch in Grassau dem Hausherrn auf dem Bösendorfer-Flügel vor. Jetzt, zehn Jahre später, kehrte sie wieder und gab eine ganze Matinee: Karin Kei Nagano, Tochter des Dirigenten Kent Nagano. Mitgebracht hatte sie ihre Mutter Mari Kodama, ebenfalls eine weltweit gastierende Pianistin. Die führte kurz in die gespielten Werke ein und saß am Schluss mit ihrer Tochter zusammen am Klavier.

In der französischen Klaviermusik scheint Karin Kei Nagano sich zuhause zu fühlen: Entschieden-sicher und doch ganz zart endend bot sie die »Première Communion de La Vierge«, also die erste Kommunion der Jungfrau Maria, aus »Vingt Regards sur l’Enfant – Jesus«, also aus den zwanzig Blicken bzw. Betrachtungen über den Jesusknaben, von Olivier Messiaen (1908 bis 1992). Und vollends in »La Valse« von Maurice Ravel (1875 bis 1937) stürzte sich die junge Pianistin hemmungslos und mit mitreißendem Drive in den reizüberflutenden und überwältigenden impressionistischen Klangrausch, mit dem Ravel den Wiener Walzer gleichsam durch Übersteigerung dekonstruiert. So heftig war dieser Klangrausch, dass sich von selbst die sonst zugedeckten zusätzlichen fünf Tasten öffneten, die den Bösendorfer Imperial auszeichnen: Der hat 97 statt der sonst üblichen 92 Tasten, so dass insgesamt volle acht Oktaven erreicht werden.

Mit sechzehn Jahren hatte Karin Kei Nagano Schubert entdeckt, insbesondere dessen letzte Sonate in B-Dur. Entdeckt und lieben gelernt. Aber lieben heißt noch nicht verstehen. Und verstehen heißt noch nicht unbedingt gestalten können. Man kann es so sagen: Karin Kei Nagano ist noch auf der Suche nach ihrer Schubert-Interpretation. Sie nutzte das so sonore Bassregister des Bösendorfer-Flügels, um klarzumachen, wie strukturgestaltend der ominöse Bass-Triller aus dem Hauptthema ist und wie er auch noch in den Begleitfiguren des Andante nachzittert und wie er vielleicht sogar das Rondo-Thema inspiriert. Aber sie singt die Phrasen im Kopfsatz zu wenig schmerzlich aus, lässt die Melodien zu wenig schwingen, ihr Anschlag ist insgesamt etwas heiter fordernd, nicht wehmütig singend. Sie sucht Tiefe, findet sie aber nicht immer. Und sie findet nicht »im Lied das tiefe Leid«, wie es Schuberts Zeitgenosse Eichendorff formuliert. Doch klingt im Dauerwirbel des Rondos etwas Irres, Selbstvergessenes, ja derwischhaft Kreiselndes an, das die Pianistin durch das Trio auch noch beschleunigt. Losbrechender Beifall mit Bravo-Rufen belohnte die Pianistin.

Im letzten Programmteil war wieder alles in Ordnung, in den vier Sätzen aus der heiteren »Dolly-Suite« von Gabriel Fauré (1845 bis 1924), die der für die etwas kleingeratene Tochter einer Freundin komponiert hatte. Hier fühlten Karin Kei Nagano und ihre Mutter Mari Kodama sich wohlig ein in die einzelnen humorigen und neckischen Tänze und verbreiteten endgültig heitere Matinée-Stimmung. Als Zugabe gewährten sie die »Kaiserin der Pagoden« aus Ravels »Ma mère l’oye«.

Rainer W. Janka