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Der heimliche Star unter den erneuerbaren Energien

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Dr. Willie Stiehler, Geschäftsführer der Energieagentur Südostbayern GmbH, die im Auftrag der Landkreise Berchtesgadener Land und Traunstein neutrale und fachlich kompetente Beratung für Bürger, Kommunen und Unternehmen anbietet, wog das Pro und Contra von Tiefen-Geothermie ab. (Foto: Caruso)

Taching am See – Drei Gebiete in Deutschland sind für tiefe Geothermie-Anlagen besonders geeignet: der Oberrheingraben, das Norddeutsche Becken und das süddeutsche Molassebecken. In Letzterem liege nicht nur die Metropolregion München, sondern unter anderen auch die Region Tengling/Tittmoning.


»Vereinfacht gesagt, liegt mehrere Kilometer unter dem Gebiet ein großes Heißwasservorkommen«, erklärte der Geschäftsführer der Geoenergie Bayern Beteiligungen GmbH, Diplom-Geograph Bernhard Gubo, bei einer Informations- und Diskussionsveranstaltung im Gasthaus Neuwirt in Tengling. Die Geoenergie Bayern Beteiligungen GmbH möchte im nördlichen Gemeindegebiet von Taching eine Erdwärme-Anlage mit einem nachgeschalteten Kraftwerk zur Stromerzeugung aus Tiefengeothermie bauen, wobei der Schwerpunkt zunächst auf der Stromerzeugung liegen soll.

Das Thermalwasser in der Tiefe hier weise laut Gubo besonders hohe Temperaturen auf und sei in sehr großer Menge verfügbar. Konkret wählte das Unternehmen ein rund 25.000 Quadratmeter großes Privatgrundstück in Haus, in der Nähe des Geländes der Firma Oppacher. Die Lage an diesem Kieswerk sei günstig, weil Bohrungen, die ja auch Lärm verursachen, wohl eher keine nachbarschaftlichen Probleme verursachen.

Bürgermeisterin Ursula Haas informierte, dass die Geoenergie Bayern an die Gemeinde herangetreten sei und nicht umgekehrt. Es ist also kein Projekt der Gemeinde. Aufgrund noch fehlender Informationen habe der Gemeinderat bislang weder etwas zugesagt noch abgelehnt. Um beurteilen zu können, mit welchen Lärmemissionen bei den Bohrungen und einem Anlagenbetrieb zu rechnen sei, wolle man die entsprechenden Gutachten abwarten. Der Gemeinderat befürworte grundsätzlich auch die Nutzung der Wärme. Konkrete Berechnungen der Kosten einer Fernwärmeversorgung für Tengling lägen aber noch nicht vor. Diese würden nicht zuletzt auch davon abhängen, wie viele Bürger an ein Wärmenetz anschließen würden.

Wie diese Veranstaltung zunächst zeigte, haben einige Bürger auch Bedenken und Vorbehalte gegen diese Energiequelle. Vor allem Ängste vor Erdbeben und vor Lärmbelästigungen wurden laut. So sprachen einige von ihnen unter anderem die Vorkommnisse in Poing an, als dort die Erde am 9. September 2017 mit einer Stärke von 2,4 erzitterte.

Schlüsseltechnologie für die Klimaschutzziele

Gubo erklärte, die sogenannte hydrothermale, tiefe Geothermie könnte in Deutschland fast ein Drittel des Wärmebedarfs decken, die oberflächennahe Geothermie weitere 28 Prozent. Die Geothermie könnte ein Eckpfeiler der Energiewende sein, vielleicht sogar eine Schlüsseltechnologie, um die Klimaschutzziele zu erreichen.

Erdwärme sei unter den erneuerbaren Energien der heimliche Star. »Nach menschlichem Ermessen ist Tiefengeothermie unerschöpflich«, betonte Dr. Willie Stiehler, Geschäftsführer der Energieagentur Südostbayern GmbH. In Mitteleuropa nehme die Temperatur im Erdboden um etwa drei Grad Celsius pro 100 Meter Tiefe zu. In etwa vier Kilometern Tiefe liege von Höhlen und Klüften durchzogenes Juragestein, das heißes Wasser enthält, bestätigte Dr. Stiehler. »Etwa 140 Grad heißes Wasser ist den Berechnungen nach in rauen Mengen vorhanden.«

Geothermie bedeute eine stabile und gesicherte Grundversorgung an Strom und Wärme aus erneuerbarer, klimafreundlicher Quelle. Erdwärme könne im Gegensatz zu Wind-, Wasser- und Solarenergie zu jeder Zeit und bei jedem Wetter in konstanter Menge genutzt werden. Bei dem heißen Thermalwasser-Vorkommen unter dem Gemeindegebiet handle es sich um eine sehr wertvolle, außergewöhnlich ergiebige regionale Energiequelle, deren unverzügliche Nutzung angesichts der aktuellen Klimadiskussion eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Erdwärme schone die nur begrenzt vorhandenen, konventionellen Energieressourcen und schaffe Unabhängigkeit von der unsicheren Entwicklung der Fördermengen und Preise von Erdöl.

Dafür spreche zudem die Möglichkeit optimaler Energieausnutzung bei der Geothermie. Das erreiche man durch die Kraft-Wärme-Kopplung, bei der die Abwärme der Stromerzeugung zusätzlich zum Beheizen von Gebäuden verwendet werde, hieß es weiter.

Den Schätzungen zufolge ist diese Abwärme beim geplanten Projekt in Tengling so hoch, dass man sämtliche Haushalte in Tengling und Törring damit heizen könnte. Dafür müsste aber erst ein Leitungsnetz in den beiden Ortsteilen erstellt werden. Weil sich der Anschluss- und Abnahmepreis an den Investitionskosten orientiert, ist es gar nicht so sicher, dass es dann auch genügend Anschlusswillige gibt. »Optimal wäre auch ein gewerblicher Betrieb als Abnehmer«, so Gubo. Auf Wunsch der Gemeinde schließe die Gesellschaft mit Taching einen Vorvertrag ab, der die Fernwärmelieferung für Tengling garantiert und seine Gültigkeit auch behält, wenn einer der Gesellschafter wieder aussteigt. So könne sich die Gemeinde auch noch zu einem späteren Zeitpunkt für eine Wärmeabnahme entscheiden.

Zu den Wellenbewegungen in Poing informierte Gubo, diese seien wissenschaftlich untersucht worden. Sie seien mit 1,6 Millimetern pro Sekunde äußerst gering ausgefallen. Ein Lkw auf einer holprigen Straße verursache etwa die gleichen Schwingungen. Eine DIN-Norm für Erschütterungen im Bauwesen lege den Grenzwert bei 5,0 Millimetern pro Sekunde fest. »Das ist weit höher als die Mikrobeben im Umfeld geothermischer Anlagen«, beruhigte Bernhard Gubo. Er bestätigte, dass in Garching bei München Mikroerdbeben gemessen worden sind. »Wenn aber tatsächlich von einer Erdbeben-Gefahr ausgegangen werden muss, dann dürfen wir ein Projekt erst gar nicht anfangen oder müssen es stoppen«, sagte er und gab eine kleine Übersicht über die maßgeblichen Vorschriften.

Investition von 70 bis 90 Millionen Euro

Die Geoenergie Bayern sei bereit, rund 70 bis 90 Millionen Euro in die Hand zu nehmen, um es in der Gemeinde zu investieren, was wiederum Gewerbesteuern in die Kassen spüle, antwortete Gubo auf die Frage, welchen Vorteil das Objekt für die Seengemeinde hat. Wer die Haftung übernehme, wenn es zu Schäden komme, wollte ein anderer Besucher wissen. Dann müsse der Kraftwerksbetreiber seine Unschuld nachweisen. Es gelte also die umgekehrte Beweislast.

Fündig werden wolle man bei vier Bohrungen, wobei man bei jeder Bohrung 100 Liter Wasser pro Sekunde erwarte, sagte Gubo, als er das Bohrkonzept erläuterte. Demnach sollen voraussichtlich im nächsten Jahr die Bohrer bis zu 4000 Meter in die Tiefe gehen. Nacheinander werden mit einer großen Bohranlage vier teleskopartige Löcher gebohrt und die dazugehörigen Rohre verlegt, in denen eine Spülbohrung mit einem Gemisch aus Wasser und Ton vorgenommen wird. Gearbeitet werde an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr. Lärmreduzierte Bohrantriebe und eine gute Baustellenlogistik sollen dazu beitragen, dass es während der rund zweijährigen Bohrphase nicht zu laut wird, betonte Gubo. »Grenzwerte halten wir natürlich Tag und Nacht ein.« Es sei auch mit mehr Lkw-Verkehr während der Bohrungen zu rechnen, weil der Abraum wegtransportiert werde.

Aufnehmen will man den Kraftwerksbetrieb im Jahr 2022. Während der Bohrungen gebe es vorsichtshalber auch noch seismische Untersuchungen. ca