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Der Heimatkunde verpflichtet

Berchtesgaden - In ein Loch fallen? Keine Option, die für Johannes Schöbinger jemals in- frage kam. Der ehemalige Leiter des Schulamtes ist seit fünf Jahren in Pension. Und hat heute mehr zu tun als je zuvor. Sagt zumindest seine Frau. »Jetzt mache ich die Sachen, die ich möchte«, meint der Kreisheimatpfleger. Am Sonntag feiert er seinen 70. Geburtstag.

Ex-Schulamtsleiter und Kreisheimatpfleger Johannes Schöbinger feiert am Sonntag seinen 70. Geburtstag. Anzeiger-Foto

Berufliche Entscheidungen treffen muss Schöbinger keine mehr. »Gut so«, sagt er. Früher gehörte das zu seinem Alltag. Und dieser Alltag war mit viel Arbeit verbunden. Schon in jungen Jahren nahm die Karriere ihren Lauf. Abitur, Studium, relativ früh stellvertretender Schulleiter in Edling bei Wasserburg. Später zum Oberlehrer befördert. Schöbinger übernahm die Ausbildung der Junglehrer. Mit 36 Jahren wurde Schöbinger zum jüngsten Schulrat Bayerns ernannt. »Da war ich gerade erst zehn Jahre lang so richtig im Beruf«, erinnert er sich.

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Mit der Übernahme der Leitung des hiesigen staatlichen Schulamts war die Karriereleiter erklommen. War das alles so geplant? »Nein«, sagt Schöbinger. Obwohl ihm schon in jungen Jahren nahegelegt wurde, den Karrierepfad zu beschreiten. »Ein Lehrer bleib ich nicht mein Leben lang«, soll er immer gesagt haben, erzählt Ehefrau Waltraud. »Das alles ging aber nur mit der Unterstützung meiner Ehefrau«, sagt der 69-Jährige. Waltraud kümmerte sich um die Kinder, schmiss den Haushalt, hielt dem Mann den Rücken frei.

Nicht nur die Schule war für Johannes Schöbinger wichtig - vor allem im öffentlichen Leben fühlte er sich wohl. Schon in Edling war er Gemeinderat bei der CSU. Seit er denken kann, ist er dort Mitglied. Später saß er auch im Berchtesgadener Gemeinderat, war von 1978 bis 1990 Kreisrat. Kommunalpolitisches Engagement sei ihm immer ein Anliegen gewesen. Heute ist er politisch nicht mehr aktiv.

»Irgendwann kommt der Punkt, da muss man einfach aufhören«, sagt er. Genug Betätigungsfelder gibt es für den Kreisheimatpfleger dennoch: In elf Vereinen ist er Mitglied, bei der Kolpingsfamilie engagiert er sich und vor allem ist es die Heimatkunde, die den viel Beschäftigten interessiert - und fasziniert. »Ich habe keine Bedenken, dass mir langweilig wird«, sagt Schöbinger. Schon während der Studienzeit, als er Geschichte und Heimatkunde zu seinen Fächern zählte, war er Feuer und Flamme für die Historie.

Kreisheimatpfleger zu werden, war mehr Zufall als geplantes Vorhaben. »Ich wurde von meinem Vorgänger Franz Schned gefragt, ob ich mir das vorstellen kann.« Konnte er. »Das Arbeitsfeld eines Kreisheimatpflegers ist riesig«, weiß er. Und demnach gab und gibt es auch für Schöbinger noch viel zu lernen, wie er sagt. Ob Brauchtumsarbeit, Heimatforschung, Urkundenstudium oder entsprechende Lehrgänge - »man braucht Freude an der Sache, sonst geht das nicht«. Ehefrau Waltraud bestätigt: »Er mag das einfach.« Und so sind heimatkundliche Bücher neben klassischer Musik eines der besonderen Hobbys des Jubilars, der am Sonntag seinen Siebzigsten feiert.

Motivation bringen immer wieder kleine Erfolge. Etwa die Tatsache, dass die Kreuzigungsdarstellung am Kalvarienberg endlich renoviert wurde. Für mehrere hunderttausend Euro. Geldgeber zu finden, ist eine der Aufgaben eines Kreisheimatpflegers. Im März kommenden Jahres folgt die offizielle Einweihung oberhalb der Dächer von Berchtesgaden.

Bei Recherchearbeiten im Staatsarchiv stieß Schöbinger auf das Originalverzeichnis über das Tafelsilber von Berchtesgaden. Für den Heimatforscher sind das persönliche Höhepunkte. Kleine Erfolge, die etwas Licht in die Geschichte des Ortes bringen.

Und neben der historischen Arbeit? Geht Schöbinger gern spazieren. Jeden Tag mindestens eine halbe Stunde. »Das brauche ich«, sagt er. Sonntags wird oft gewandert, gemeinsam fährt man mit dem Rad. »Oder ich mache den Garten«, sagt der Pensionist. Der Höhepunkt der Woche ist aber der Oma-und- Opa-Tag. Dann fahren die Schöbingers zur Tochter. Enkelkinder besuchen, den »Akku auftanken«.

Kraft erfährt der ehemalige Schulamtsleiter einmal im Jahr in Bad Griesbach beim Relaxen - aber auch bei einem Glas Rotwein und klassischer Musik - oder bei irischen Segenswünschen, die er sammelt und mit Bedacht liest. Schöbinger genießt das Leben. Nach einer Krebserkrankung, zwei Wochen, nachdem er in den Ruhestand kam, sieht er das Leben aus einem anderen Blickwinkel. »Ich mache nur noch die Sachen, die mir auch Spaß bereiten.« kp