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Der ganz normale Wahnsinn zwischen 11 und 17 Uhr

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Berchtesgaden: Der ganz normale Wahnsinn – Fahrverbotszeit zwischen Triembachereck und Rathaustorbogen
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Um 11.05 Uhr in der Fußgängerzone. Das seit fünf Minuten geltende Fahrverbot kümmert kaum jemanden. (Fotos: Vietze)
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Ein verärgerter Jimmy-Fahrer drängt sich an einem Lkw der Marktgemeinde Berchtesgaden vorbei.

Berchtesgaden – Die Marktdurchfahrt zwischen Gasthof »Neuhaus« und Schlossplatz spart Verkehrsteilnehmern viel Zeit und Weg. Problematisch wird es aber, wenn dort zwischen 11 und 17 Uhr Fahrverbot herrscht.


Eigentlich sollte der Bereich in dieser Zeit ausschließlich den Fußgängern gehören. Doch nicht wenige motorisierte Verkehrsteilnehmer stören den Frieden und ignorieren das Durchfahrtsverbot, wie »Anzeiger«-Volontär Patrick Vietze feststellen musste. Eine Stunde lang beobachtete er das Geschehen zwischen Triembachereck und Rathaustorbogen. Das Ergebnis war verblüffend.

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Punkt 11 Uhr, ab sofort gilt das Fahrverbot: Bereits die ersten fünf Minuten sind turbulent, gleich mehrere Autos fahren durch den »Neuhaus«-Torbogen in Richtung Triembachereck. Inzwischen stehen fünf Autos im geltenden Fußgängerbereich, weitere 20 Fahrzeuge rollen in dieser Zeit über das Pflaster.

Woher kommt diese Unbekümmertheit? Sicher hoffen viele darauf, dass die Polizei in den ersten Minuten Gnade walten lässt. Ist aber nicht der Fall. »Zwischen 11 und 17 Uhr gilt diese Strecke als Fahrverbotszone. Wer dagegen verstößt, bekommt eine gebührenpflichtige Verwarnung in Höhe von 20 Euro«, weiß Willi Handke. Der Polizeichef kennt das Problem. Die meisten Verkehrssünder seien Urlauber, da sie die Verkehrsschilder schlicht übersehen. »Es sind aber auch Einheimische unter den Sündenböcken«, so Handke.

Die nächsten zehn Minuten passiert nichts. Dann biegt ein silberner Chevrolet mit ausländischem Kennzeichen beim Gasthof »Neuhaus« ab. In Schrittgeschwindigkeit nähert er sich dem Torbogen beim Marktbrunnen. Vermutlich hat er die Orientierung verloren. Der Mann fährt weiter, bis ihm eine Familie den Weg versperrt. Aus Empörung hupt er. Die Familie erschreckt sich und springt zur Seite.

Der nächste Paukenschlag folgt sofort. Ein Jimmy-Fahrer steht mitten im Fußgängerbereich und kommt nicht weiter. Er muss warten, weil ein gemeindlicher Lkw die Durchfahrt versperrt. Die Gemeindearbeiter sind mit dem Bühnenaufbau für das Marktfest beschäftigt. Und dann hindern auch noch Fußgänger dem Jimmy an der Weiterfahrt. Das Karma schlägt zu, der Mann ist aufgebracht und gestikuliert sehr hektisch. Da hilft auch kein Hupen mehr. Nach einigen Minuten hat sich der Wagen freigefahren und der Mann setzt unbekümmert seine Fahrt durch den Fußgängerbereich fort.

Für eine Weile herrscht Ruhe. Ab und zu fahren auch Gemeindefahrzeuge und Rettungsdienstwagen hindurch. »Kraftfahrzeuge wie diese sind ausgenommen. Sie dürfen jederzeit die Durchfahrt nutzen«, erklärt Polizeichef Handke. Was ebenfalls auffällt: Die Profis fahren sicherer und verantwortungsbewusster als so manche Verkehrsrowdys.

Ortswechsel zum Schloss-Torbogen: Ohrenbetäubendes Dröhnen kündigt die Ankunft einer Motorradkolonne an. Die Endurofahrer haben es eilig, denn sie sind schnell dran, sogar deutlich zu schnell. Die sechs Biker mit Salzburger Kennzeichen geben zwischen den Torbögen noch einmal Gas, bis die Fliehkraft sie im »Neuhaus«-Torbogen in die Schräglage zwingt. Die Fußgänger haben längst die Flucht ergriffen, sonst hätte es böse enden können.

Die meisten der heute nur wenigen Fußgänger sind Urlauber. Viele von ihnen nehmen den unzulässigen Verkehr scheinbar gelassen hin. Ausnahmen gibt es trotzdem: Urlauber Michael aus Hamburg ist bereits zweimal angehupt worden und maßlos überfordert. »Normal sollte ich problemlos am Nachmittag auf dieser Straße spazieren, wenn zu dieser Zeit Fahrverbot herrscht. Die jeweiligen Fahrer haben mich nur blöd angeschaut, obwohl sie rechtswidrig gehandelt hatten«, klagt er.

Immerhin setzen sich Verkehrsteilnehmer, die das Durchfahrverbot ignorieren, der Gefahr aus, erwischt zu werden. Denn die Polizei und die Kommunale Verkehrsüberwachung haben den Bereich ständig im Auge, wie Willi Handke betont. Dennoch ist noch einiges an Erziehungsarbeit zu leisten, denn das Ergebnis nach diesem Tag ist verblüffend: Innerhalb von einer Stunde haben über 30 Verkehrsteilnehmer das Fahrverbot ignoriert. Patrick Vietze

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