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Der Deife in der Lederhose

Freitagabend, Feierabend. Der Rasp-Sepp freut sich. Heute ist nämlich der größte Heimatabend der Umgebung. Und da will er hin. Da wollen alle hin. Auch Jette Mensing aus Flensburg. Im letzten Skiurlaub hat sie sich in ihren Skilehrer Stefan, genannt Stef, verliebt. Der aber ist mit der feschen Maridi vom Katzbichllehen verheiratet. Allerdings hat er das der Jette nicht gesagt bei den vielen gemeinsamen Liftfahrten.

Jette ist schon ein bisschen älter und arbeitet bei einem großen Zeitschriftenverlag. Sie schreibt für die Mädchenzeitschrift »Julia« und die Frauenzeitschrift »Goldenes Herz« Liebesromane, aber gerade erst hat sie das Genre »Krimi« für sich entdeckt. Bei der langen Zugfahrt von Flensburg nach Schönramsgaden traf sie ein Lichtstrahl. Eine Idee sozusagen. Sie will beides. Also Liebe und Krimi.

Jette hat übers Internet eine urige Kammer auf der Schachtelalm gebucht. Eine Woche Almleben bei einer einheimischen Sennerin, der Vroni Stanggassinger. »Ich will ein bisschen rumwandern und mit den Einheimischen Kontakt aufnehmen. Ich benötige Protagonisten für mein neues Romanprojekt«, sagte sie damals bei der Buchung am Telefon.

Und jetzt ist sie da, die Jette. »Oh, was ist das herrlich«, schwärmt sie, als sie aus ihrem Zimmer kommt. Die Vroni dreht sich um nach ihr und fast trifft sie der Schlag. Die Jette hat keine Jeans mehr an, sondern eine rote Lederhose. Und die schulterlangen blonden Haare hat sie zu Zöpfen geflochten.

»Um Godswuin, wia schaut denn de aus«, denkt sich die Vroni. »Ich weiß schon, was ich heute mache. Ich habe unten am Bahnhof auf einem Plakat gesehen, dass heute ein großer Heimatabend stattfindet. Ich wollte mich jetzt zu Fuß auf den Weg nach unten machen. Ich habe extra meine Lederhose mitgebracht, die habe ich vor zwei Jahren für das Oktoberfest gekauft.« Die Vroni weiß nicht so recht, was sie sagen soll.

Plötzlich nähert sich Motorgebrumm. »Ah, des is der Chef. Der kimmt oamoi die Woch rauf und bringt mir Proviant.« Franz Kurz parkt vor der Hütte und springt aus seinem Geländewagen. »Griaß di, Vroni. Wie geht’s der Edelweiß? Hinkt sie no?« - »Na Franz, de hod se wieda dahoit.« - »Guten Tag! Oder besser: Grüß Gott, wollte ich sagen.« Jette ist hinzugekommen und streckt dem Vorstand der Vereinsamten Trachtenerhaltungsgebirgsvereine die Hand entgegen.

»Griaß God« sagt er langsam. Und dann hat’s ihm die Sprache verschlagen. Er schaut an ihr runter. Dann wieder rauf. Und noch einmal runter und rauf. Und dann schaut er zum Sannergipfel rauf, den gerade eine Wolke umgibt. Genauso eine Wolke wölkt sich auch um seinen Kopf. Der dreht sich. Aber nicht so, dass ihm die Jette den Kopf verdreht hätte.

Er schüttelt sich und macht sich dran, die Kartons auszuladen und in die Hütte zu bringen. »Pfiat di Vroni, mir pressiert’s. I bin scho spat dro, mir ham heit unsern Heimatabend und ich muaß mi no umziang.« Mit diesen Worten steigt er schnell in seinen Wagen, startet und fährt los.

»Halt«, schreit Jette plötzlich und läuft hinter dem Wagen her. »Halt, ich würde gerne mitkommen!« Der Franz sieht sie zwar, gibt aber Gas und fährt, als ob der Leibhaftige hinter ihm her wäre. » »Pfui Deife! Pfui Deife!, Wennst ma grod gehst«, schimpft er vor sich hin und kann sich gar nimmer beruhigen.

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