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Der Bär und der Weihnachtsmann

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Gert Anthoff trug in Traunreut spannende und skurrile, aber auch nachdenklich stimmende Geschichten und Gedichte vor, musikalisch-lautmalerisch umrahmt von Erwin Rehling. (Foto: Heel)

Geschichten von Oskar Maria Graf, Siegfried Lenz und Robert Walser standen im Mittelpunkt der Lesung, die der Schauspieler Gerd Anthoff im gut besuchten Studiotheater des Traunreuter k1 gehalten hat, musikalisch begleitet von dem Perkussionisten Erwin Rehling.


Spannende und skurrile, aber auch nachdenklich stimmende Geschichten und Gedichte, meist fernab heimeliger Weihnachtspoesie und von Gerd Anthoff so ausdrucksstark wie einfühlsam vorgetragen. Als Einstieg wählte er die Kurzgeschichte »Der Denkzettel« von Siegfried Lenz, in der ein Mann im tiefsten Winter feststellt, dass sein Brennholzvorrat plötzlich an Schwindsucht leidet. Er macht den Dieb ausfindig und schiebt ihm ein mit Schwarzpulver präpariertes Holzscheit unter. Und erfreut sich anschließend an der fetten Explosion, bei der dem Langfinger sein Haus um die Ohren fliegt.

Ebenfalls mit schwarzem Humor gefärbt war Oskar Maria Grafs Geschichte »Der Malzzucker«, eine Kindheitserinnerung an den Tod der Großmutter, in deren Kammer die Kinder gerne spielen, wenn es draußen kalt ist – und die genau in dem Moment stirbt, als der älteste Graf-Sohn den hinter ihrem Kissen versteckten Malzzucker stibitzen will. In die Kindheit des Autors entführte auch die Erzählung »Als ich den Weihnachtsmann zum ersten Mal sah« von Hans Bergel, erschienen 2011. Aufgewachsen in Siebenbürgen, wird er als Dreijähriger von seinem Vater auf die Jagd mitgenommen, wobei er glaubt, im tief verschneiten Wald der Karpaten den Weihnachtsmann zu erblicken. Da stößt er einen Jubelschrei aus, nicht ahnend, dass es sich bei dem zotteligen Gesellen um einen riesigen Braunbär handelt – der zum Glück schließlich davontrottet.

Weitere Geschichten stammten von Theodor Fontane, der in »Des armen Mannes Weihnachtsbaum« ein stimmungsvolles Erlebnis in London schildert, oder von Kurt Tucholsky, der sich über die Frage »Was unternehme ich Silvester?« mokiert. Höhepunkt und Abschluss der von Gerd Anthoff facettenreich gestalteten Lesung war schließlich Robert Walsers Meditation über das »Schneien«. Eine einzigartige Beschreibung des Wunders der weißen Verwandlung, die auf den Punkt bringt, welche Bedeutung der Flockensegen für den Menschen hat. Und gestorben ist Robert Walser tatsächlich in seinem geliebten Schnee, auf einem Spaziergang.

Als Zugabe präsentierte Gerd Anthoff noch Erich Kästners bitterböse Satire »Maskenball im Hochgebirge«, und zum versöhnlichen Ausklang das schöne Gedicht »Vögel im Winter« von Harald Grill.

Für zusätzliche Stimmung sorgte Erwin Rehling, ein lautmalerischer Geräuscherzeuger, der mit seinem inspirierten Spiel an Schlagzeug, Kuhglocken, Steinspiel, Marimba und Schellenbaum die Texte assoziativ weiterspann, um das, was unausgesprochen zwischen den Zeilen steht, zu Wort kommen zu lassen. Wolfgang Schweiger