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Dem Magier des Lichts auf den Fersen

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Das abgeschlagene Haupt der »Medusa«, Uffizien-Leihgabe in letzter Minute, malte Caravaggio Ende des 17. Jahrhunderts. Der Blick der schrecklichen Gorgo sollte jeden Betrachter versteinern.

Er war noch nicht tot. Der große Michelangelo Merisi da Caravaggio lebte, tobte und irritierte seine Auftraggeber noch, als sich junge Maler aus Utrecht an seine Fersen hefteten – in Rom, dem kulturellen Zentrum Europas am Beginn des 17. Jahrhunderts: allen voran Hendrick ter Brugghen, Gerard van Honthorst und Dirck van Baburen.


»Caravaggisten« wurden sie genannt. Caravaggio-Fans. Sie erkannten in dem Meister aus Mailand, 1571 geboren, als dem ungeniert realistischen, das Leben ungeschminkt einfangenden Magier des Lichts ihr Vorbild. Es malte genau so, wie sie es erstrebten und nur annähernd so deftig, saftig und heftig schafften. Ihre Tafelbilder sind neben denen einige ihrer gleichgesinnten Kollegen aus den Niederlanden, kaum weniger als 75 an der Zahl, die Frühjahrs-Attraktion der Kunstmetropole München.

»Utrecht, Caravaggio und Europa« nannte Bernd Ebert, Leiter der Abteilung »Holländische und Deutsche Barockmalerei« der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen die große Ausstellung in der Alten Pinakothek, die damit erneut, nach der gerade abgeebbten Begeisterung über die monatelang dominanten Florentiner Maler, dem Haus zu hoher Ehre verhelfen. Der Besucher kommt aus dem Staunen nicht heraus. Wieder kriegt er Stoff zum Nachdenken und Vergleichen: Wie stark sind die Niederländer aufgekommen gegen ihr verehrtes Idol? Wo liegen dessen, wo ihre eigenen Spezifitäten? Welche – vor allem religiösen – Motive interpretierten sie ähnlich oder dann doch in der Kernaussage different?

Es lässt sich um die Kriterien Drastik, Theatralik, Realitätshärte, Menschlichkeit herum diskutieren. Man wird finden, dass sich die Barocken, ob aus Nord-Europa oder aus Nord-Italien, in vielen Punkten ähnlich sind. Vieles übernahmen die Niederländer von Caravaggio, dem Wüstling und Gewalttäter, der sich mit Prostituierten beiderlei Geschlechts abgab, dem Draufgänger und nach Erfolg schielenden Getriebenen seiner damals revolutionären, brillanten Malkunst. Manches aber sahen sie weniger schockierend. Gedämpfter, abgeklärter, cooler. Caravaggios Altarbild »Grablegung Christi« von 1602/03 gingen Nicolas Tournier noch gut 30 Jahre, Dirck van Baburen schon 17 Jahre später entschieden zahmer, auf jeden Fall weniger erregend an.

Fünf Jahre Vorbereitungsarbeit liegen hinter Ebert und der kooperierenden Kollegin Liesbeth M. Helmus am Utrechter »Centraal Museum«. Beide hatten mehrfach Glück. Caravaggios »Grablegung« bekamen sie, wenn auch nur bis 20. Mai, wider Erwarten von den Vatikanischen Museen. Den heiligen »Hieronymus« schwitzten die Benediktiner vom Berg Monserrat her, und in allerletzter Minute traf das Prunkschild Caravaggios mit dem »Haupt der Medusa« aus Florenz in München ein. An gruseliger Drastik ist dieses Gemälde von 1596/97 kaum zu überbieten. In einem Madrigal von Gaspare Murtola steht die Drohung der Gorgo Medusa, die der Held Perseus köpfte: »Flieht, denn wenn eure Augen vor Erstaunen versteinert sind, wird sie euch in Stein verwandeln!«

Weniger dramatisch antwortet das Begleitprogramm auf die bis 21. Juli gezeigten Barock-Gemälde, die durchaus auch heiter stimmen: Mitglieder des Nationaltheater-Opernstudios sind im Juni mit Gesangsabenden ebenso beteiligt wie Musikhochschul-Studierende, die für jedes ausgestellte Bild ein eigenes Stück komponierten und mit Filmen und Flashmobs aufwarten.

Öffnungszeiten sind Dienstag und Mittwoch von 10 bis 21 Uhr, Donnerstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr. Caravaggios »Grablegung« ist letztmals am 20. Mai zu sehen. Hans Gärtner

Der Bildhauer Anatol Herzfeld, Schüler von Josef Beuys, ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Das hat die Stiftung Museumsinsel Hombroich in Nordrhein-Westfalen am Montag bestätigt. Mit Herzfeld starb der letzte Künstler aus der Gründungsriege der Museumsinsel. Seine Skulpturen aus Holz, Stein und Eisen prägen die Museumsinsel.