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…dass es so nicht geschehen sein wird

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Die Boten verkünden im Stück von Elfriede Jelinek in Vorvergangenheit und Vorzukunft sowie aus unterschiedlichen Perspektiven das Unfassbare. (Foto: Manuela Seethaler)

In ihrem Stück »Rechnitz (Der Würgeengel)« schraubt sich Elfriede Jelinek durch Konjunktiv-verbrämte Vorvergangenheit und Vorzukunft: »Wir alle werden gewusst haben, wie sich Eltern und Großeltern verhalten hätten sollen.« Das sagt viel aus über den wenig tragfähigen Grund, auf dem wir uns beim Blick in die Zeitgeschichte bewegen.


Regisseur Peter Arp schickt fünf Boten ins Rennen: Ulrike Arp, Bernadette Heidegger, Christiane Warnecke, Marcus Marotte und Olaf Salzer. Die Boten berichten dies und das, aus unterschiedlichen Perspektiven. Sie haben ein Edelweiß am Revers ihrer Sakkos. Und ihre Münder sind geschminkt wie jene von Weißclowns. Aber von Anfang an schlecht geschminkt, so als ob etwas grundsätzlich danebengegangen wäre. Das Ungeheuerliche schwingt mit, auch wenn es harmlos klingt, und wenn sie auch Unfassbares andeuten, weiß man nie, ob sie womöglich mit Entsetzen Scherz treiben.

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Entsetzen ist durchaus angebracht: Rechnitz liegt im Burgenland, nahe Oberwart. Seit ein paar Jahren gibt es dort eine Gedenkstätte. Eine der Schau-Vitrinen ist bewusst leer gelassen worden. Man weiß zwar um das Massaker an ungarisch-jüdischen Zwangsarbeitern an diesem Ort. Das Massengrab der 180 in den allerletzten Kriegstagen Ermordeten ist aber nicht wieder aufgespürt worden. Die kurz nach dem Kriegsverbrechen einmarschierte Rote Armee hat die Grube zwar geöffnet, es gab einen Prozess, aber Augenzeugen sind rätselhafterweise umgekommen oder hatten sich längst ins Ausland abgesetzt, in die Schweiz, nach Argentinien. Es ist im Wortsinn Gras über die Sache gewachsen.

»Wir Boten sorgen dann dafür, dass es so nicht geschehen sein wird«, heißt es einmal in Jelineks Text. Es ist nun mal so: »Wir stimmen die Geschichte mit uns ab.« Alles eine Sache der Perspektive. Jelinek verändert die sprachlichen Fluchtpunkte, greift nach mehrdeutigen, doppelsinnigen Worten. Der Hahn kräht nicht dreimal, sondern er wird dreimal aufgezogen am Gewehr, und dann wird nach Kräften verleugnet.

Wenn die Überlieferung stimmt, dann war die Begebenheit in Rechnitz ein Massaker schier unglaublicher Art. Eine Abendgesellschaft im Schloss einer Gräfin Batthyàny-Thyssen entschloss sich, sozusagen als Mitternachtseinlage, die Zwangsarbeiter zu erschießen. Von »hohlen Menschen«, ist bei Jelinek öfters die Rede, »the hollow men« in Anlehnung an T. S. Eliot: ausgehöhlt, entleert aller Menschenwürde, ausgeronnen in die Nicht-Erinnerung.

Isabel Graf hat eine kreuzförmige Spielfläche gebaut und an einer Seite eine Art Show-Bühne. Die Performance heißt Zeitgeschichte und der Inhalt soll nachhaltig irritieren: Wem kann, soll, darf man was glauben oder nicht? Von spielerisch bis aggressiv reicht der Tonfall. Der Jägerchor aus dem »Freischütz« kann schon ins Stampfen von Nazi-Stiefeln und zum Hitlergruß führen.

Peter Arp hat sich als Regisseur zurückgehalten, belässt dem Text das Fragmentierte und vor allem das Sprunghafte. Es ist ein Stück, das wüst mit Assoziationen spielt. Gewissheiten gibt es freilich auch: »Es können nicht alle Opfer sein wollen, wir brauchen jeden Täter, den wir kriegen können.« Und schon fast eine apokalyptische Drohung: »Mein Charakter ist dauerhafter als meine Meinung.«

Es schwebt über all dem Tragischen, dem verstörend Burlesken, dem unverschämt Geradlinigen oder tollpatschig Ausweichendem immer die Anmutung des »Wahrscheinlichen«, und in diesem Wort steckt eben Wahrheit ebenso wie Schein. Was für ein Glück für die Protagonisten damals: »Das Grab ist dauerhaft still«, und »das ganze Dorf schweigt«. Bundeshymne, Licht aus. Aufführungen gibt es noch bis zum 2. Mai. Reinhard Kriechbaum

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