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Das Spannungsfeld bildet das ganze Leben ab

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Die Kunstmeile setzt das Atrium am Stadtmuseum wieder als idealen Ausstellungsort für die verschiedenen Kunstwerke in Szene. (Foto: Falkinger)

Da gibt es Werke, die heißen »Schöne bunte Welt«, »Nest«, »Hausmusik«, »Morgenduft«, »Abendsonne«, »Mein Schatzi«. Und es gibt welche mit den Titeln »Trügerisches Eis«, »Weltverkauf«, »Doch heimlich dürsten wir«, »Macht und Ohnmacht«, »Gefallene«, »Apokalypse«, »Ettal – Schwarze Serie«, »Morte«. Harmonie hier, Kritik, Schaudern und Anklage dort: ein weites Feld, das die Kunstmeile Trostberg bespielt, ein immens ergiebiges Spannungsfeld. Ein Spannungsfeld, das das ganze Leben abbildet, Höhen, Tiefen, himmelhohes Jauchzen, Depression – auf 1,6 Kilometer.


Kunstmeile bietet Fülle an Themen und Arbeiten

Die Kunstmeile liefert eine vielschichtige, mehrdimensionale Fülle: einerseits die Fülle an Themen. Es ist praktisch unmöglich, kein Kunstwerk zu finden, das nicht in irgendeiner Weise die eigene Lebenswirklichkeit widerspiegelt. Andererseits die Fülle an Arbeiten: 75 Künstler stellen 207 individuelle Werke aus. Daraus ergibt sich die Fülle an Symboliken und Stilistiken, aufgegliedert in verschiedene Materialien, verschiedene Ausdrucksweisen, verschiedene Nuancen der Abstraktion, grundverschiedene Herangehensweisen an die Sujets. Und dazu kommen bei den einzelnen Skulpturen auch noch unterschiedliche Blickwinkel. Die Kunstmeile überrascht und lässt den Besucher permanent Neues entdecken.

Der nächste Pluspunkt: die Topografie. Das Ausstellungsgelände ist weitläufig und doch auf den Stadtkern konzentriert. Es zieht sich vom Atrium am Stadtmuseum durch Hauptstraße und Vormarkt über den Postsaal zum Begegnungsplatz an der Jahnstraße, vorbei an der Realschule, ein Abstecher zur Alzchem, zurück zur Mittelschule, vorbei am Stadtkino über die Alzbrücke in die Schulstraße, zum Rosengarten und zurück zum Atrium. 207 Werke auf dieser Wegstrecke werden nicht als geballte Masse wahrgenommen, sie sind mit lockerer Hand verteilt, abgesehen von den Kulminationspunkten Atrium und Postsaal. Den Organisatoren ist es dennoch gelungen, auch diese Zentren nicht zu überfrachten. Die Werke haben und lassen Luft zum Atmen. Niemand muss durch die Meile hetzen, überall gibt es Ruheinseln, auf dem Begegnungsplatz, der mit Stahlskulpturen und Land Art fast zum Zengarten wird, genauso im blütenprangenden Rosengarten. Momente des Staunens wechseln ab mit Augenblicken der Kontemplation.

So elegant und anregend die Kunstwerke unter freiem Himmel verteilt sind, so gelungen ist die Zusammenstellung in den überdachten Ausstellungsorten. Optimismus und Kritik, Lichtblicke und Dunkelheit, Aufreger und Anreger sind mit Bedacht durchmischt, es gibt kein Schwarzes Loch, das den Besucher in Düsternis zurücklässt. Viel Ernst, aber keinesfalls weniger Humor, Harmonie und die reine Lust am Schönen sind auf der Kunstmeile zu erleben.

Das Umfeld ist wie gemacht für die Kunstmeile, doch mit Leben füllen sie erst die Werke und natürlich die Besucher, die mit den Arbeiten in einen Dialog treten. Das funktioniert, weil das Kunstmeilenteam nicht nur einen hohen Anspruch an die künstlerische Qualität der Arbeiten gesetzt hat, sondern weil dieser Anspruch auch erfüllt wird.

Diejenigen, die hier ausstellen, sind allesamt eigenständige, selbstbewusste und – was unabdingbar dazugehört – selbstzweifelnde Künstlerpersönlichkeiten, die ihre Techniken nicht nur beherrschen, sondern auch etwas mitzuteilen haben. Menschen, die sich und ihre Arbeit zur Diskussion stellen, die den Diskurs aushalten, die ihn wollen und brauchen.

Ein Stefan Birkel beispielsweise, der akribische Detailversessenheit mit Perfektion im Licht- und Schattenspiel verbindet – und das mit malerischer Raffinesse, die an alte Meister erinnert und diese dabei überholt. Ein Georg Mayerhanser, dessen siebenteilige Skulptur im Zentrum des Postsaals den sexuellen Missbrauch im Kloster Ettal anprangert – vielschichtig nicht zuletzt, weil die düsteren Patres, die an Scary-Movie-Maske und Mönchskarikaturen der Monty Pythons gleichermaßen erinnern, durch die schwungvoll-elegante Bearbeitung und Zurschaustellung des Materials sowie durch den Materialmix aus warmem Holz und kaltem Stahl den eigentlichen Skandal ein weiteres Mal pervertieren.

Künstler mit Ausdruckskraft und Ausdrucksfreude

Ein Edi Sommer, der Dalis Formensprache einen regionalen Bezug gibt. Ein Andreas Kuhnlein, der es schafft, Trauer und Fassungslosigkeit dramatisch zerklüftete Gestalt zu geben. Ein Werner Pink, der seinem Spieltrieb freien Lauf lässt und mit seinem alten Rennwagen den Spieltrieb vor allem der jungen und jüngsten Kunstmeilenbesucher zu befeuern. Oder Ute Lechner und Hans Thurner, die im Atrium ihr dreiteiliges Werk »Morte« zeigen – Bronze, Stahl, fünf Metallschälchen mit je einer Handvoll Reis, fünf Totenschädel. Natürlich ist das Anklage, natürlich ist das morbid. Und natürlich ist das auf die Spitze getriebene Symbolsprache.

Ausdruckskraft und Ausdrucksfreude sind allen gemein. Und die Freude daran, den Betrachter einzufangen und zu verblüffen. Finissage der Kunstmeile ist am 28. Juni um 18 Uhr im Atrium am Stadtmuseum. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.kunstmeile-trostberg.de Andreas Falkinger