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Das Plus an Haus

Bischofswiesen – Ein einzigartiges Energieplus-Haus hat Unternehmer Hans Angerer nun in der Strub fertiggestellt (wir berichteten). In dem Modellhaus, das wissenschaftlich begleitet wird, wird mehr Energie produziert als verbraucht. »Für mich ist dieses Haus ein Meilenstein auf dem Weg zur Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen«, betonte Angerer, dessen Firma in den vergangenen 16 Jahren über 150 Energiesparhäuser realisiert hat. Die Festrede hielt Bundesbauminister Dr. Peter Ramsauer, der in einem Elektrofahrzeug anrollte.

Zwei Familien ziehen nun in das Modellhaus. Hans Angerer (l.) und Dr. Peter Ramsauer (r.) freuen sich mit den Neubewohnern. Fotos: Anzeiger/Pfeiffer

»Wir können stolz sein, dass Deutschland solche engagierte und kreative Unternehmer und Betriebe hat, die innovative Projekte umsetzen können«, lobte Minister Ramsauer. Der Politiker war zur Eröffnung in einem Elektroauto, das theoretisch durch den erzeugten Hausstrom betankt werden kann, vorgefahren.

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Das Haus, entstanden durch die Zusammenarbeit der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) in Leipzig und der Hans-Angerer-Unternehmensgruppe, ist einzigartig, weil es das einzige seiner Art im Alpenraum ist. Trotz der strengen Winter soll es laut Unternehmerangaben mehr Energie erzeugen als es dann im Alltag schließlich verbraucht. Zwei Familien mit Kindern werden musterweise für mindestens zwei Jahre einziehen und den Alltag im Energieplus-Haus bestreiten.

Die Bewohner können mit dem überschüssigen Strom ihre Elektroautos betanken und machen sich – im besten Fall – dadurch komplett unabhängig, sowohl von Strom als auch von fossiler Energie. Das Haus soll außerdem »einen entscheidenden Beitrag zur Mobilität mit Elektroautos leisten«, so Angerer.

Das Bauwerk ist in regionalspezifischer Weise umgesetzt worden. Dem Bauherrn war das ein Anliegen. Denn häufig seien es Energiesparhäuser, die mit »sehr moderner, nicht in unsere Gegend passender Architektur Hässlichkeit versprühen«, wie ein geladener Gast am Rande der Veranstaltung sagte.

Möglich macht das Bauwerk, in das zwei Wohnungen für Familien sowie vier weitere Ferienwohnungen integriert wurden, ein hochmodernes Anlagenkonzept, das an die örtlichen Gegebenheiten angepasst ist. Dazu kommt ein minimierter Strombedarf für Beleuchtung und Haushaltsgeräte. Ein dritter entscheidender Punkt ist die moderne Dämmung. Gebaut wurde eine Gebäudehülle, die deutlich bessere Werte erzielt als die eines Niedrigenergiehauses (KfW-40-Haus; d. Red.). Die Wände sind in Holzständerbauweise errichtet, mit einer Dämmung von 200 Millimetern zwischen den Holzständern versehen und einem zusätzlich außen liegenden Wärmedämmverbundsystem abgedichtet.

Das Dach mit der ortstypischen Dachneigung von 21 Grad gen Süden wurde mit einem Aufsparrendämmsystem in der Dämmdicke 280 Millimeter ausgeführt und hat eine großflächige Photovoltaik-Anlage. Eine besonders gedämmte Kellerdecke und Passivhausfenster sorgen ebenfalls für Luftdichte. Basis der Anlagentechnik ist eine Sole/Wasser-Wärmepumpe zur Wärmeenergieerzeugung in Kombination mit einer zentralen Lüftungsanlage. Erdsonden steuern den Einsatz der Wärmepumpe. Zur Wohnungsbeleuchtung werden dimmbare LEDs verwendet. Die Steuerung erfolgt über Präsenzmelder.

Weil das Energieplus-Haus mehr Energie produzieren soll als letztlich verbraucht wird, kann der Überschuss etwa für die Mobilität genutzt werden. So lässt sich ein Elektroauto ohne Weiteres aufladen. »Das Haus produziert ausreichend Energie dafür«, weiß Bundesbauminister Ramsauer. Froh sei er, bei der Einweihung des Energiehauses dabei sein zu können. »In der Funktion als Bauminister bin ich gewöhnlich nur bei sehr großen Projekten«, sagte er. Das Ziel sei es, vergleichbare Energieplus-Häuser serienreif auf den Markt zu bringen. Sowohl im Verkehr, als auch in den Gebäuden wolle er bundesweit den Energieverbrauch deutlich senken, »30 Prozent« im Gesamten. Noch vor wenigen Jahren seien Energiehäuser »praktisch unbewohnbar gewesen«, so Ramsauer.

Bischofswiesens Bürgermeister Toni Altkofer sprach dem Bauherrn »Respekt« aus und lobte die Geschwindigkeit, in der das Haus verwirklicht worden war. Angerer bezeichnete er als »gewieften Vorreiter« im Klimaschutz.

Landrat Georg Grabner bekräftigte die Absicht des Landkreises, den Energieverbrauch bis 2030 komplett aus erneuerbaren Energien zu gewinnen. Dem »zukunftsweisenden Projekt« attestierte er Vorbildfunktion, zumal die Räumlichkeit behindertengerecht gebaut wurde. Gebäudesanierungen stellten für die Zukunft landkreisweit einen hohen Stellenwert dar. Immerhin wolle man, dass jedes Jahr drei Prozent der Bestandsgebäude energieeffizient gemacht werden. Im Landkreis möchte man künftig sogar einen Klimaschutzmanager mit Beratungsfunktion einstellen, darüber hinaus eine Energieagentur aufbauen.

Begleitet wird das Modellprojekt Energieplus-Haus in Bischofswiesen im Rahmen des bundesdeutschen Forschungsprojekts »Effizienzhaus Plus« im Auftrag des Bundesbauministeriums von der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig und dem Fraunhofer Institut. 35 Modellhäuser wurden in dieses Forschungsprojekt aufgenommen, das Haus in der Strub ist eines davon. Zwei Jahre lang werden Studenten energetische, messtechnische Untersuchungen unter realen Wohnbedingungen vornehmen. Die Ergebnisse werden von der HTWK Leipzig ausgewertet und im Fraunhofer Institut mit den anderen Modellprojekten verglichen und analysiert. Sie geben Aufschluss darüber, inwieweit mit den heutigen Möglichkeiten Häuser, die mehr Energie erzeugen als sie verbrauchen, auf wirtschaftliche Weise gebaut werden können.

»Ich bin sehr gespannt auf die Ergebnisse. Mein Team und ich werden diese konsequent in unsere laufende Arbeit aufnehmen«, so Unternehmer Hans Angerer, der sich zu Kosten des Hauses mit sechs Wohnungen nicht äußern wollte. Nur so viel: »Das Plus beim Energiehaus erhöht die Realisierungskosten um rund 20 Prozent«, sagt Angerer. Experten gehen von einem Investitionsvolumen von rund einer Million Euro aus. Kilian Pfeiffer