weather-image
25°

Das Leid mit der Leitkultur

3.0
3.0
Bildtext einblenden
Ließ die Besucher in der Traunsteiner Kulturfabrik NUTS die Nationalhymne singen: der Kabarettist und Autor Christian Springer. (Foto: Heel)

Die »deutsche Leitkultur« stand im Mittelpunkt seines Auftritts in der voll besetzten Traunsteiner Kulturfabrik NUTS, wo der Münchner Kabarettist und Autor Christian Springer sein aktuelles Programm »Trotzdem« vorstellte, engagiert, temporeich und mit teils gewagten Gedankensprüngen, aber immer aufschlussreich und ausgesprochen amüsant dazu.


Doch zunächst hieß es für die Zuschauer: Aufstehen und die Nationalhymne singen. Das klappte auch ganz gut und hatte natürlich seinen tieferen Grund. Denn es ging um die Integration in die sogenannte »Deutsche Leitkultur«, und die hat so ihre Tücken. Oder anders gesagt: Wer sich integrieren möchte, würde auch Deutsch lernen, ganz klar. Aber dann könnten auch Fragen gestellt werden, und wir müssten Bescheid wissen. Etwa über unsere Nationalhymne, deren Text seit 1991 ausschließlich aus der dritten Strophe des »Deutschlandliedes« von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798 bis 1874) besteht.

Doch wie erklärt man einem »Hinzugekommenen«, dass die Melodie dazu aus dem Lied »Gott erhalte Franz, den Kaiser« stammt, das Joseph Haydn 1796/1797 in Wien zu Ehren des römisch-deutschen Kaisers Franz II. komponiert hatte und das später auch als österreichische Kaiserhymne gesungen wurde? Eine Hymne zumal, die eine verdächtige Ähnlichkeit mit der Melodie eines kroatischen Volksliedes hat. Eine ziemliche Melange also, zu der Christian Springer noch eine hübsche Anekdote parat hatte: Da es nach der Gründung der Bundesrepublik keine offizielle Nationalhymne gab, für das diplomatische Protokoll aber eine benötigt wurde, wurde 1953 für Bundeskanzler Konrad Adenauer bei seinem ersten Staatsbesuch in den USA in Chicago das Kölner Karnevalslied »Heidewitzka, Herr Kapitän« gespielt.

Doch zurück zur Integration bzw. »Flüchtlingskrise«: Da erzählte der Kabarettist, der 2011 den Verein Orienthelfer gegründet hat und häufig in den Libanon reist, um zu helfen, dass nach Merkels »Einladung« Seehofer von einer Sogwirkung gesprochen habe. Er selbst habe vor Ort aber nichts dergleichen bemerkt und Seehofer daraufhin einen empörten, 80-seitigen Brief geschrieben – der bis heute natürlich unbeantwortet geblieben sei.

Ähnlich danebenliegend wie Seehofers Äußerung sei auch die Meinung eines ihm bekannten, pensionierten Deutschlehrers, der vorgeschlagen hatte, Flüchtlingen anhand von Schillers »Maria Stuart« deutsche Kultur beizubringen – »und da rollen die Köpfe«. Oder mit Schillers »Der Taucher«, »wo’s am Ende alle dersaufen«, erregte sich Christian Springer. Absurd fand er auch den Vorschlag des Bamberger Erzbischofs, Halloween aus medizinischen Gründen (weil Trauma für Kinder) abzuschaffen und stattdessen ein Cäcilienfest zu feiern – die Märtyrerin wurde aber bestialisch zu Tode gefoltert, »da ist Halloween ein Scheißdreck dagegen«.

Von Seehofer & Co. ging es schließlich zu Franz-Josef Strauß, mit dem Christian Springer eine ganz besondere Erfahrung gemacht hat. Eine Erfahrung, die sich seinen Worten zufolge so abgespielt hat: Als er um die 20 war, gelang es ihm bei einer Wahlveranstaltung der CSU am Nockherberg, das SKS (=Schutzkommando Strauß) zu überlisten und zwei rohe Eier in Richtung des damaligen Bayerischen Ministerpräsidenten zu werfen. Ziemlich erfolglos, denn der einzige Schaden, den er dabei anrichtete, war, dass eines der Eier auf dem Tisch von Gerold Tandler landete. Trotzdem wurde er sofort festgenommen, vermöbelt und verbrachte die Nacht in einer Arrestzelle auf dem Polizeipräsidium, bevor er am nächsten Morgen wieder freikam.

Bei der nächsten Landtagssitzung sprach Stoiber dann von einem »gezielten Angriff mit einem Hartgummigeschoss auf den Kopf von Strauß«, und Springer wurde wegen Störung einer Veranstaltung angeklagt. Als das Verfahren schon eingestellt war, trudelte eine Anzeige von Strauß wegen Körperverletzung ein, mit dem Hinweis, dass entsprechende ärztliche Atteste beigebracht werden könnten, und Springer wurde zu einer Geldstrafe von 5000 DM verurteilt. In einem Nachspiel wurde ihm während seines Studiums an der Uni München unter der Hand mitgeteilt, dass sich der Staatsschutz eingeschaltet habe und er weder in München noch sonstwo in Bayern einen Abschluss machen könne.

Ausgehend von der Promenadologie respektive Spaziergangswissenschaft, die tatsächlich an der Gesamthochschule Kassel gelehrt wird, kam Christian Springer abschließend auf die Begegnung von Goethe und Beethoven anno 1812 im böhmischen Teplitz zu sprechen, wo die beiden der Legende nach bei einem gemeinsamen Spaziergang auf die kaiserliche Familie trafen. Während der Dichterfürst beiseite trat und sich ehrfürchtig verneigte, ging Beethoven einfach weiter, mitten durch Kaisers samt Entourage, die ihm auch artig Platz machten.

Christian Springers Fazit hierzu: Öfter mal im Leben einfach geradeaus gehen und Haltung zeigen! Wolfgang Schweiger