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Im Schreibtisch des Bischofswieser Unternehmers Hans Angerer befinden sich Pläne für einen originalgetreuen Nachbau des Gebäudes

Das alte Rathaus und die »dritte Variante«

Bischofswiesen – Die »dritte Variante« sorgt zurzeit in Bischofswiesen für Gesprächsstoff. Gemeint ist damit der von CSU-Gemeinderat Oliver Schmidt im »Anzeiger«-Interview vorgeschlagene Abriss und originalgetreue Wiederaufbau des alten Bischofswieser Rathauses im Rahmen des Projekts »Bürgerzentrum«. Funktioniert das überhaupt? »Natürlich«, sagt Hans Angerer auf Anfrage des »Berchtesgadener Anzeigers«. Der Bischofswieser Bauunternehmer ließ von seinen Mitarbeitern sogar einen aufwendigen Vorentwurf erstellen. Abgestimmt werden kann beim Bürgerentscheid am 24. September allerdings nur über Abriss oder Sanierung des alten Rathauses.

In dieser Konzeptmappe bewahrt der Bischofswieser Bauingenieur Hans Angerer die Pläne für einen originalgetreuen Nachbau des alten Bischofswieser Rathauses inklusive weiterer Neubauten für ein Bürgerzentrum auf. Veröffentlichen will sie der Unternehmer aber nicht. (Foto: Kastner)

Das Ingenieurbüro Hans Angerer gehörte zu den 114 Bewerbern, die gerne am Architektenwettbewerb für das Bürgerzentrum Bischofswiesen teilgenommen hätten. Allerdings scheiterte das Unternehmen wie so viele andere ganz knapp an der sogenannten Bewertungsmatrix. Damit werden die Architekturbüros nach ihrer Leistungsfähigkeit und ihren Reverenzen mit Punkten bewertet. Das Auswahlgremium hatte an 14 Büros die Maximalpunktzahl von acht Punkten vergeben. Von den 28 Büros, die jeweils sieben Punkte erhielten, wurden sechs per Losentscheid als Teilnehmer ermittelt, sodass wie geplant 20 Architekturbüros am weiteren Wettbewerb teilnahmen.

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Knapp an Glücksgöttin Fortuna gescheitert ist auch das Unternehmen von Hans Angerer. Der wäre zwar gerne beim Wettbewerb dabei gewesen, akzeptiert jedoch das Ausscheiden: »Ein Wettbewerb ist ein Wettbewerb. Da gibt es kein Nachtarocken.« Dabei haben die Mitarbeiter des 47-Jährigen doch einige Arbeit in das Projekt gesteckt, denn sie haben bereits eine komplette Vorentwurfsplanung erarbeitet. »Die Ausschreibung hat mich motiviert, zumal es sich um ein Projekt in meiner Heimatgemeinde handelt«, begründet der Bischofswieser den Frühstart in die Planungsphase. Natürlich hat er sich insgeheim auch gute Chancen ausgerechnet, zu den 20 Architekturbüros zu gehören, die schließlich eine Planung einreichen durften. »Wir haben uns also sofort vom Vermessungsamt die Daten geholt und mit dem Zeichnen begonnen«, erinnert sich Angerer.

»Ich will kein Nachtarocken«

Dass der Bauunternehmer nun leer ausging, akzeptiert er voll und ganz. »Ich will hier keinesfalls nachtarocken. Wer an einem Architektenwettbewerb teilnimmt, der muss auch mit dem Ausscheiden rechnen«, sagt Hans Angerer. Deshalb ließ er seine Pläne, die einen Abriss des alten Rathauses sowie einen originalgetreuen Nachbau inklusive Errichtung von zwei weiteren Gebäuden für das Bürgerzentrum enthalten, erst einmal in der Schublade verschwinden. »Ich habe sie keinem gezeigt und auch mit niemandem darüber gesprochen«, versichert der Bauingenieur.

Erst als kürzlich CSU-Gemeinderat Oliver Schmidt die sogenannte »dritte Variante« ins Gespräch brachte, holte Angerer die Pläne wieder hervor. Schließlich entsprechen sie ziemlich genau den Vorstellungen Schmidts. »Und natürlich wurde ich als Baufachmann in den letzten Monaten immer öfter in Diskussionen um das künftige Bürgerzentrum verwickelt«, erklärt Angerer. »Und die Leute haben mich auch öfters gefragt: Kann das denn kein Einheimischer planen?« So äußerte er sich nun – wenn auch etwas zögerlich – gegenüber dem »Berchtesgadener Anzeiger«, versichert aber, dass er damit »keine Politik betreiben und fair bleiben« wolle. Aus diesen Gründen lehnt der Unternehmer auch einen Abdruck der Pläne ab, die Lokalzeitung durfte aber einen kurzen Blick in die Konzeptmappe werfen.

Neubauten fassen altes Rathaus ein

Aufmerksam hatte Hans Angerer die Berichterstattung über die verschiedenen Planungsvarianten für das neue Bürgerzentrum verfolgt. Dass viele das alte Rathaus wegen seines ortsbildprägenden Charakters erhalten wollen, kann Angerer gut verstehen. Die Argumente gegen einen historisierenden Nachbau allerdings weniger. Als Beispiele für gelungene historische Nachbauten nennt Angerer das Berliner Schloss oder die Dresdner Frauenkirche. »Auch mein eigenes Haus von 1928 habe ich auf den oberen beiden Stockwerken nachgebaut, allerdings im Passivhaus-Standard«, sagt Angerer.

Die Pläne, die Angerer der Lokalzeitung präsentiert, zeigen ein Ensemble, das insgesamt eine fast quadratische Fläche beansprucht. Vorne steht das originalgetreu wiederaufgebaute alte Rathaus, das weiterhin als Solo-Gebäude wahrnehmbar ist. Auf gleicher Fronthöhe, aber ein klein wenig vom alten Rathaus abgesetzt gibt es südwestlich einen weiteren Baukörper, der allerdings wesentlich kürzer ist als der aktuell in der »Variante B« vorgeschlagene. Dafür hat Angerer hinter dem alten Rathaus noch einen dritten Baukörper geplant, der mit einem schmalen Verbindungsbau vom alten Rathaus aus zu erreichen ist. »Das alte Rathaus ist also weiterhin der Mittelpunkt der Architektur, wird von den Neubauten quasi eingefasst«, erklärt Angerer. In der Mitte entsteht dadurch ein Innenhof.

Nachbau nicht teurer als Sanierung

Anders als bei den bislang vorgestellten Planungen übernimmt Angerer in die Neubauten alte Architekturelemente vom alten Rathaus, beispielsweise die Dachform oder die Dachgauben. »Wir hätten damit wieder ortsbildprägende Gebäude, die zum Ensemble Schulhaus, Kirche und Pfarrhof passen würden«, sagt Angerer, der in seinem Vorentwurf nicht nur das komplette Raumprogramm umgesetzt, sondern auch noch die Kosten ermittelt hat. »Es wird nicht teurer als eine Sanierung nach der Variante B«, sagt Angerer und widerspricht damit den Aussagen von Architekt Gerhard Eckl bei der Informationsveranstaltung in der Bischofswieser Turnhalle. Und ein weiterer Vorteil ist offensichtlich: Die Tiefgarage ist leichter realisierbar, weil kein alter Keller im Weg steht.

Obwohl Hans Angerer zu 100 Prozent zu seiner Lösung steht, will er im bisherigen Verfahren, das der Gemeinderat Bischofswiesen angestrengt hat, keine Fehler erkennen. »Ein Architektenwettbewerb ist der durchaus übliche Weg«, erklärt der Bauexperte. Und deshalb wartet er jetzt gelassen den Bürgerentscheid am Sonntag, 24. September, ab. Sein eigenes Modell ist an diesem Tag zwar nicht wählbar, aber Angerer wird natürlich trotzdem abstimmen. Wo er sein Kreuz macht, will er aber nicht verraten. Ulli Kastner