weather-image
25°

Confed-Cup: Demos und Gewalt - Spanien in Zwickmühle

0.0
0.0
Straßenschlacht
Bildtext einblenden
Die brasilianische Polizei setzt in Fortaleza Tränengas gegen die Demonstranten ein. Foto: Robert Ghement Foto: dpa

Rio de Janeiro (dpa) - Die Massenproteste in Brasilien gehen mit neuer Schärfe weiter und beeinträchtigen den Confederations Cup immer mehr.


Vor dem zweiten Spiel des Fußball-Rekordweltmeisters bei der Generalprobe für die Fußball-WM 2014 gegen Mexiko kam es am Mittwoch in Fortaleza bei einer zunächst friedlichen Kundgebung zu gewalttätigen Ausschreitungen. Augenzeugen berichteten von Verletzten. Die Sicherheitskräfte setzten Tränengas gegen steinewerfende Demonstranten ein.

Die landesweiten Kundgebungen gegen Korruption, Misswirtschaft und hohe Staatsausgaben für die WM hatten schon zuvor die FIFA massiv beschäftigt und bei Präsident Joseph Blatter für ein Umdenken gesorgt. «Ich kann verstehen, dass die Menschen nicht glücklich sind», sagte Blatter und äußerte damit erstmals Verständnis für die friedlichen Demonstranten. Gleichzeitig warnte er vor einer Instrumentalisierung des Fußball-Turniers. «Aber ich denke, sie sollten den Fußball nicht dazu nutzen, um ihre Forderungen zu verkünden», sagte er in einem Interview des Fernsehsenders TV Globo.

Noch zu Wochenbeginn hatte Blatter die Überzeugung geäußert, dass die Proteste nachlassen, wenn der WM-Testlauf Fahrt aufnimmt. Eine komplette Fehleinschätzung, wie sich nun zeigt. Vor dem Spiel zwischen Brasilien und Mexiko versammelten sich rund 10 000 Menschen in der Umgebung der Castelão-Arena in Fortaleza. Einige Zufahrten zu dem Stadion waren durch die Menschenmassen blockiert. Die Polizei war im Großaufgebot im Einsatz. Die Demonstrationen verliefen zunächst friedlich, dann kam es zu Gewalt. Ein Polizeiauto wurde umgestoßen und angezündet. Auf Fotos war ein stark blutender Polizist zu sehen.

An der friedlichen Demo nahmen auch Aktivisten einer Gruppe teil, die unter der Losung «Brot und Spiele - Wem nützt die WM?» gegen die Milliarden-Kosten für die WM 2014 protestierten. Nach Angaben eines deutschen Fotografen wurden für das Turnier akkreditierte Bildreporter mit gezogener Waffe daran gehindert zu fotografieren.

Rund 50 000 Demonstranten waren in Sao Paulo in der Nacht zu Mittwoch auf den Straßen. Für Donnerstag ist eine Massenkundgebung in Rio de Janeiro geplant. Der Protestzug soll wenige Kilometer vom Maracana-Stadion entfernt am Rathaus enden. Man rechne mit einer Million Demonstranten, sagte FIFA-Generalsekretär Jerome Valcke am Mittwoch. «Das ist eine unangehme Sitatition für alle Beteiligten. Niemand ist damit glücklich», sagte Valcke der dpa in Fortelaza.

Ungewöhnlich für die sonst entpolitisierte Welt der Profisportler: Die Menschen auf den Straßen bekommen auch Zuspruch von den brasilianischen Fußball-Stars - allerdings nur die friedlichen! «Die Seleção ist das Volk.» Mit diesem bemerkenswerten Satz von Cheftrainer Luiz Felipe Scolari hat sich das Gastgeber-Team mit den landesweiten Protesten solidarisiert. Superstar Neymar teilte bei Instagram mit: «Ich bin Brasilianer, und ich liebe Brasilien!! Ich habe Familie und Freunde, die in Brasilien leben!! Deshalb will ich auch ein Brasilien, das gerechter, sicherer, gesünder und EHRLICHER ist!!!!» Gegen Mexiko werde er inspiriert durch die Protestbewegung aufs Feld gehen.

Im Land des fünffachen Weltmeisters scheuen die Profis keine Antworten auf politische Fragen. Und «Felipão» denkt nicht daran, ihnen einen Maulkorb zu verpassen: «Wir verbieten nichts!» Die Spieler sollten schließlich Persönlichkeiten sein und hätten «alle Freiheit», sich zu den Demonstrationen zu äußern. «Viele denken, dass Fußballer nur an Fußball denken. Aber wir wissen, was gerade passiert. Wir wissen, dass sie recht haben mit ihren Protesten und dass in unserem Land viele Dinge verbessert werden können. Ich bin eindeutig für die Proteste», sagte Hulk.

Blatter versuchte derweil, die FIFA aus der Schusslinie zu bringen. «Brasilien hat diese WM verlangt. Wir haben Brasilien diese Weltmeisterschaft nicht aufgezwungen. Sie wussten, um die WM zu bekommen, müssen Stadien gebaut werden.» Neben den Stadien dienten auch Straßen, Hotels und Flughäfen als Vermächtnis. «Dies bleibt als Erbe für die Zukunft und nicht nur die Weltmeisterschaft», sagte er.

Brasiliens Regierung schickte paramilitärische Spezialeinheiten in einige Städte. Wie das Justizministerium am Mittwoch mitteilte, solle die «Fuerza Nacional» in der Hauptstadt Brasilia sowie in Rio de Janeiro, Fortaleza, Salvador de Bahia und Minas Gerais helfen, für Sicherheit bei den Spielen zu sorgen. Dieser Einsatz sei in der Sicherheitsplanung für das Turnier aber vorgesehen gewesen und stehe nicht in Zusammenhang mit den Massenprotesten.

Die Spiele in den künftigen WM-Stadien selbst waren bislang ohne jede Zwischenfälle verlaufen und von ausgelassener Party-Atmosphäre geprägt. Am Donnerstag steht im legendären Maracana von Rio de Janeiro ein besonderes, weil maximal ungleiches Duell an, bei dem Spanien in eine Zwickmühle gerät. Gegen den großen Außenseiter Tahiti könnte der Weltmeister alle Rekordergebnisse im Weltfußball brechen, doch das verbietet der sportliche Anstand.

«Ich glaube nicht, dass Spanien viele Tore schießen will. Ich kenne ihren Trainer Vicente del Bosque. Er ist ein Mann mit Demut und Respekt. Er wird seinen Spielern nicht sagen, dass sie viele Tore gegen Tahiti schießen sollen», sagte deren Coach Eddy Etaeta. Gute Einsatzchancen in der Startelf hat Bayern Münchens Javi Martínez, da erwartet wird, dass del Bosque seine Formation auf vielen Positionen verändert.

In der zweiten Partie zwischen Uruguay und Nigeria fällt die Vorentscheidung um das zweite Halbfinalticket neben den aller Fußball-Wahrscheinlichkeit nach qualifizierten Spaniern. Die Uruguayer hatten bei dem WM-Testlauf bislang viel Pech. Regen bei der Ankunft, Verkehrschaos auf den Straßen und ein Streik der Angestellten im Teamhotel erschwerten dem Südamerikameister die Ankunft in Salvador. Schon am ersten Spielort Recife hatten Dauerregen und Staus dem WM-Vierten die Stimmung vermiest.