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Buttnmandl in großer Gefahr

Berchtesgaden/Traunstein – Riesenglück hatten drei Buttnmandl am Abend des 5. Dezember 2012, die in einem drei Meter breiten Durchgang vor dem Hintereingang eines Lokals in Berchtesgaden ausruhen wollten. Ein 23-jähriger Bäcker, der früh aufstehen musste, fühlte sich durch den Lärm gestört, baute zwei Brandsätze aus in Öl getränktem Papier und warf sie aus seinem Balkon im zweiten Stock. Glücklicherweise wurde niemand verletzt. Gestern Dienstag beleuchtete die Sechste Strafkammer am Landgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Dr. Jürgen Zenkel den Fall. Das Schöffengericht Laufen hatte den geständigen Landshuter Mitte Juni 2013 zu zwei Jahren Gefängnis ohne Bewährung verurteilt. Dabei blieb es gestern – durch allseitige Berufungsrücknahme.

Buttnmanndl können leicht in Flammen aufgehen. Weil ein Bäcker in Berchtesgaden Brandsätze auf diese geworfen hatte, muss er nun für zwei Jahre ins Gefängnis. Foto: Anzeiger-Archiv

Den Brauch des Buttnmandl- und Kramperllaufens kannte der aus Landshut stammende und jetzt wieder dort lebende Angeklagte nicht. Er legte sich früh am Abend zum Schlafen nieder und schreckte gegen 21.30 Uhr durch den Lärm der Kuhglocken hoch. Als er die drei in Stroh gehüllten Buttnmandl der »Kälberstoana Pass« unter dem Balkon entdeckte, fertigte er einen Brandbeschleuniger. Der 23-Jährige tauchte ein DIN-A4-Blatt in Motorenöl seines Mofas, wickelte Alufolie darum, entzündete die Fackel und warf sie hinunter. Laut Ersturteil trat jemand den nur ein Meter neben den Buttnmandln auf dem Boden gelandeten Brandsatz aus. Der Angeklagte behauptete gestern indes, die Fackel sei von selbst erloschen. Anschließend rief der Landshuter bei der Polizeiinspektion Berchtesgaden an und wollte wissen, wie lange die Veranstaltung noch dauere. Auf die Auskunft »bis zwei Uhr« hin, baute der Bäcker einen zweiten Brandsatz, der glücklicherweise ebenfalls keinen Schaden anrichtete, ehe ihn jemand mit dem Fuß austrat. Das Schöffengericht kam im Juni zu dem Ergebnis, der Angeklagte habe die Buttnmandl-Leute schwer genötigt und massive Verletzungen billigend in Kauf genommen.

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Ursprünglich hatte die Staatsanwaltschaft »versuchten Mord« angeklagt. Damit wäre das Schwurgericht am Landgericht Traunstein zuständig gewesen. Das Landgericht sah in dem Fall aber »nur« versuchte gefährliche Körperverletzung sowie versuchte Nötigung in besonders schwerem Fall und verwies ihn an das Schöffengericht Laufen. Gegen dessen Urteil legten sowohl Staatsanwalt Andreas Miller als auch der Angeklagte mit Verteidiger Jürgen Pirkenseer aus Piding Berufung ein.

»Es tut mir leid, ich wollte niemanden verletzen«, sagte der 23-Jährige gestern mit extrem leiser Stimme. Der Vorsitzende Richter wollte wissen, was an dem Ersturteil auszusetzen sei. Die Antwort: »Weil ich ins Gefängnis muss.« Dr. Jürgen Zenkel führte aus, eine Verurteilung wegen sogar zweier Fälle komme in Betracht, nachdem der Angeklagte nach dem ersten Wurf und dem Telefonat mit der Polizei möglicherweise einen weiteren eigenständigen Tatentschluss gefasst habe. Der Kammervorsitzende fragte den 23-Jährigen nach dem Grund für die Forderung nach Bewährung. Wortkarg erwiderte der Bäcker: »Weil ich Arbeit und Wohnung habe.«

Dr. Zenkel erinnerte den jungen Mann, er habe drei Monate vor den Brandsätzen in Berchtesgaden in Landshut wegen Computerbetrugs eine elfmonatige Strafe mit Bewährung erhalten. Auch damals habe er Wohnung und Arbeit gehabt. Auf die Frage des Richters, warum er dann jetzt nochmals Bewährung wolle, begründete der Angeklagte: »Weil es in Landshut keine Buttnmandl gibt.«. Als Tatmotiv nannte der 23-Jährige: »Damit sie Schrecken haben und abhauen, damit ich meine Ruhe hab’.« Der Landshuter räumte ein, die Strohkostüme vorher gesehen zu haben. Allerdings habe er nicht gewusst, dass beim Ablegen der Strohkleidung drei Leute helfen müssen. Er versicherte, wäre die Polizei nicht erschienen, hätte er dennoch aufgehört.

Der Vorsitzende Richter führte eine frühere Aussage des Mannes ins Feld, wonach dieser einen Molotowcocktail habe bauen wollen. Das bejahte der 23-Jährige. Er habe jedoch keine Flasche gehabt. Daraufhin legte Dr. Jürgen Zenkel dem Angeklagten die Rücknahme der Berufung ans Herz – auch »im Hinblick auf die enorme Rückfallgeschwindigkeit« bei den Straftaten. Nach einer Bedenkpause folgten der Angeklagte und sein Verteidiger dem Rat. Staatsanwalt Andreas Miller tat dergleichen. So wurde das Ersturteil gestern rechtskräftig. Monika Kretzmer-Diepold