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Brönner trifft Ilg: Ein Jazz-Album gegen die Häme

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Till Brönner & Dieter Ilg
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Reduziert und abwechslungsreich: Till Brönner und Dieter Ilg - ein starkes Gespann. Foto: Chris Noltekuhlmann/Sony Music Entertainment Foto: dpa

Viel Kritik, auch manche Häme hatte Till Brönner für sein letztes Album einstecken müssen - er sei unambitioniert und seine Musik eigentlich gar kein Jazz mehr. Im Duo mit dem Kontrabassisten Dieter Ilg macht er nun vieles anders.


Berlin (dpa) - Er ist neben dem Pianisten Michael Wollny der einzige deutsche Jazzmusiker mit einem Abo für die Pop-Charts. Aber genau diese Massentauglichkeit werfen manche Kritiker dem Trompeter und Sänger Till Brönner oft mit verbissener Häme vor.

Sie müssten bei «Nightfall» (Sony), Brönners neuer Platte mit dem bekannten Kontrabassisten Dieter Ilg, eigentlich Abbitte leisten. Denn hier setzt der 46-Jährige einen beeindruckenden Kontrapunkt zum (natürlich enorm erfolgreichen) Vorgängeralbum, der smarten Sinatra-Hommage «The Good Life» (2016).

Brönner verkneift sich im Duo mit dem sehr ernsthaften Ilg (56) seinen nicht von jedermann goutierten Crooner-Gesang und glänzt allein als Trompeter. Dass er auf diesem Gebiet einer der besten ist, hat sich ja schon lange herumgesprochen - bis zu Barack Obama, für den er im Weißen Haus spielen durfte, als einziger Deutscher mit der Crème de la Crème des Genres.

Auf die Frage, ob er womöglich das künstlerische Risiko allzu sehr scheue mit seinen populären Balladen- oder Weihnachtsalben, antwortete Brönner vor zwei Jahren im Interview der Deutschen Presse-Agentur so: «Ich bin sicher, die richtigen Leute trauen mir zu, noch mal ein solches Album mit hohem Risiko zu machen - weil ich mir das natürlich selber auch zutraue. Der Moment wird kommen. Aber man darf nicht damit rechnen, dass ich das vorher bekannt gebe.»

Vielleicht hatte Brönner da schon «Nightfall» im Kopf, diese mit einem schönen Cover im klassischen Blue-Note-Stil ausgestattete Jazz-Platte voller Überraschungen. Mit einer inspirierten Version von Leonard Cohens «A Thousand Kisses Deep» geht es los und mit Ornette Colemans «The Fifth Of Beethoven» in freierem Ton weiter, ehe das von Brönner/Ilg gemeinsam komponierte Titelstück als nächtliche Meditation bezaubert.

Die Mischung bleibt bunt: Zwei weitere Eigenkompositionen, Standards wie «Nobody Else But Me» (Jerome Kern/Oscar Hammerstein III), «Eleanor Rigby» von den Beatles, das «Air» von Johann Sebastian Bach gefolgt von Britney Spears' Hit «Scream & Shout». So reduziert der Ton und die Arrangements dieses Duo-Albums naturgemäß sind, so abwechslungsreich ist das Material. Am Ende steht eine ergreifende, fast sphärische Deutung des geistlichen Liedes «Ach bleib mit deiner Gnaden» von Melchior Vulpius (1570-1615).

Über Brönners Debüt mit Dieter Ilg heißt es in den Liner-Notes: «Es gibt musikalische Konstellationen, die so naheliegend sind, dass sich die Frage aufdrängt, warum sie nicht schon lange Wirklichkeit geworden sind.» Beide Künstler seien «im wahrsten Sinne des Wortes Geistesverwandte». Der Trompeter selbst sagt über «Nightfall» einen für manche Jazz-Puristen vielleicht überraschenden Satz: «Die Reduktion auf das Wesentliche hat mich Zeit meiner Karriere immer umgetrieben. Mit diesem Projekt wird ein langgehegter Wunsch Wirklichkeit.»

Im dpa-Interview hatte Brönner über seine unverbrauchte Ambition, etwas Unerwartetes zu tun, gesagt: «Aber auch das mache ich dann nicht für die Anerkennung anderer, sondern letztlich für mich selbst.» Mit «Nightfall» beweist Brönner an der Seite einer anderen Jazz-Koryphäe, dass mit ihm immer zu rechnen ist.

«Nightfall»-Konzerte von Till Brönner/Dieter Ilg: 30.1. Basel, 31.1. Zürich, 25.2. Köln, 26.2. Kreuztal, 27.2. Datteln, 1.3. Bremen, 2.3. Halle, 3.3. Dessau, 7.3. Berlin

Website Till Brönner

Website Dieter Ilg