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BRK-Einsatzkräfte teilen Gaffer-Vorwürfe zur Totenbergung am Watzmann nicht

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Auch das BRK meldet sich nun zu den Gaffer-Vorwürfen bei der Totenbergung vergangenen Mittwoch am Watzmann zu Wort. Bergsteiger Peter Unger wollte mit einem Gästebuch-Eintrag zum Nachdenken anregen. Er war dabei, als die Einsatzkräfte den Toten vom Watzmann bargen und, wie berichtet, von anderen Bergsteigern im Einsatz behindert wurden. (Foto: BRK BGL)
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Foto: BRK BGL

Schönau am Königssee – Nach dem tödlichen Absturz eines einheimischen Bergsteigers vergangene Woche am Watzmann wurden Vorwürfe über mehrere Gaffer laut, die an der Unfallstelle die Rettungs- und Bergungsarbeiten der Einsatzkräfte behindert haben sollen.

Daraufhin meldete sich einer der anwesenden Bergsteiger im Gästebuch auf der Webseite des BRKs zu Wort und schilderte, wie er den Einsatz als Unbeteiligter mitbekommen hatte (siehe Original-Bericht weiter unten).

Entgegen diverser Medienberichte kamen die Vorwürfe jedoch nicht vom Bayerischen Roten Kreuz. Weder das BRK noch die am Einsatz beteiligten Rettungskräfte haben die anderen anwesenden Bergsteiger als Gaffer bezeichnet. Dies bestätigte uns auf unsere Anfrage hin auch der Pressesprecher des BRKs Markus Leitner. "Wir teilen diesen Vorwurf als Rettungskräfte nicht", teilt man uns mit.

Das BRK habe zudem bereits Kontakt zum Verfasser des Gästebuch-Eintrages aufgenommen, um die offensichtlich durch die Medien entstandenen Missverständnisse richtig zu stellen.

Original-Bericht: »Ich bin Bergsteiger und kein Gaffer«

Den Vorwurf, ein Gaffer zu sein, will Peter Unger nicht auf sich sitzen lassen. Der Tiroler hatte am Mittwoch die schwierige Totenbergung mit zwei Hubschraubern am Watzmanngrat im Rahmen seiner Überschreitung hautnah miterlebt und war dann überrascht, dass die Rettungskräfte den zufällig vorbeigekommenen Bergsteigern über die Medien vorwarfen, den Einsatz durch ihre Neugierde behindert zu haben.

Im Gästebuch der BRK-Homepage schilderte der Tiroler, wie er den Tag erlebt hat. Hier mit Einverständnis des Autors der Wortlaut seiner Erklärung:

Ich habe am Unfalltag mit meiner Lebensgefährtin die Watzmann-Überschreitung vom Watzmann-Haus aus durchgeführt. Wir sind um 7  Uhr am Watzmann-Haus gestartet. Um etwa 10.30 Uhr, kurz unterhalb der Watzmann-Mittelspitze, haben wir unsere Tour unterbrochen, da ein roter Rettungshubschrauber einen Bergretter an der Winde zum Grat abgelassen hat.

»Wir haben nur das Wort Steinschlag verstanden«

Der Bergretter hat eine Person aufgenommen und ist wieder weggeflogen. Eine weitere Person mit gelber Jacke war direkt neben der geretteten Person und ist nach Abflug des Hubschraubers weitergegangen. Während der Bergungsaktion haben wir uns mit unserem Klettersteigset gesichert und in geduckter Haltung verharrt, bis der Hubschrauber weggeflogen ist. Ein Hubschrauber der Polizei hat rund 100 Meter vom roten Rettungshubschrauber entfernt eine Durchsage mit Lautsprecher durchgeführt, die aber für uns – durch den Lärm von zwei Hubschraubern – nur in Fragmenten zu verstehen war. Wir haben nur das Wort »Steinschlag« verstanden und das so interpretiert, dass wir uns ruhig zu verhalten haben, da ansonsten durch, möglicherweise von uns, losgetretene Steine der Hubschrauber in Gefahr geraten könnte.

Dies ist die Situation, wie wir sie direkt am Unfallort angetroffen haben. Nach Abflug des roten Hubschraubers sind wir weitergegangen und haben zusammen mit der Person in der gelben Jacke die Tour zur Südspitze fortgesetzt. Von dieser Person haben wir erfahren, dass eine Person abgestürzt ist und zwei Personen, die das Unglück beobachtet hatten, vom Berg geflogen wurden.

Nach Abschluss der Tour, auf der Fahrt nach Hause, haben wir im Radio die Nachricht von dem Unglück gehört. Haupttenor war, dass rücksichtslose Bergsteiger die Rettung beeinträchtigt hätten. Wir waren wie vor den Kopf gestoßen, waren und sind uns aber sicher, im Unglücksmoment nichts falsch gemacht zu haben.

Wie wir aus der Pressemitteilung entnehmen konnten, dauerten die Rettungsmaßnahmen mehrere Stunden. Wir waren geschätzt zehn Minuten in unmittelbarer Nähe. Deshalb erlaube ich mir nicht, eine Beurteilung abzugeben, inwieweit die Rettungsarbeiten durch Gaffer et cetera beeinträchtigt waren, sondern will ausschließlich auf meine Situation eingehen.

Schwer, die Situation richtig einzuschätzen

Ich möchte aber darauf hinweisen, dass es einen großen Unterschied ausmacht, eine Situation als Einsatzleiter beziehungsweise unmittelbar in die Rettung eingebundene Person einzuschätzen, oder als unbeteiligter Dritter, der in eine Rettungsaktion unvorbereitet hineingerät.

Ich skizziere deshalb unsere Eindrücke von der Rettungsaktion. Um 9 Uhr haben wir, kurz vor dem Gipfel des Hochecks, einen Hubschrauber im Gebiet fliegen sehen. Um 9.12 Uhr haben wir vom Gipfel des Hochecks einen Hubschrauber im Bereich der Watzmann-Ostwand gesehen. Die Mittelspitze haben wir um 10.08 Uhr erreicht. Wir sahen einen Hubschrauber mit einer oder zwei Personen an der Winde vom Gebirgsmassiv wegfliegen. Die Richtung, aus der er kam, konnten wir nicht einschätzen, da uns die Sicht Richtung Südspitze durch den Gipfelaufbau der Mittelspitze versperrt war.

Unser Gedankengang: Rettungsaktion aus der Watzmann-Ostwand. Nach kurzer Pause sind wir um circa 10.20 Uhr wieder weiter Richtung Südspitze gegangen. Nach kurzer Zeit sind wir in die Situation gekommen, dass ein weiterer Hubschrauber einen Retter zum Grat abgelassen hat und eine Person aufgenommen hat.

Auf Basis der uns vorliegenden Information war es uns nicht möglich, die Lage richtig einzuschätzen. Wir sind davon ausgegangen, dass entweder im Bereich der Ostwand Kletterer geborgen wurden oder aber Bergsteiger sich vom Grat »retten« lassen wollten, da die Kondition, Psyche nicht ausreichend war. Insbesondere konnten wir nicht einschätzen, dass nach dem bereits gesichteten Hubschrauber noch weitere Hubschrauber weitere Rettungsmanöver durchführten.

Zum Thema Gaffer, die sich nicht aus dem Unfallbereich entfernt hatten, möchte ich Folgendes bemerken: Weitergehen war nicht möglich, da wir dann noch näher an den Hubschrauber und die zu rettende Person gekommen wären. Auch aus Eigenschutz würde ich das nicht machen. Zurückgehen war auch nicht möglich, da wir dann unsere zur Sicherung verwendeten Klettersteigkarabiner vom Sicherungsseil hätten lösen müssen. Wir wären dann ungeschützt den Windeinflüssen der Rotorblätter, aber auch möglichen Flugmanövern des Hubschraubers ausgesetzt gewesen. Auch ein Weg zurück entgegen der Route erschien uns nicht sinnvoll, da wir dann auf andere Bergsteiger treffen würden. Dies würde zusätzliches Gefahrenpotenzial bergen, das wir nicht eingehen wollten. Auch das Auslösen von Steinen wollten wir vermeiden, da dies das einzige Greifbare war, was wir vom Polizeihubschrauber hörten.

»Wir hatten gar keine andere Wahl«

Fazit: Wir sind nicht als Gaffer am Unfallort geblieben, sondern hatten auf Basis der uns vorliegenden Informationen gar keine andere Wahl. Wir sind nach Abflug des Hubschraubers schnell und vorsichtig (Steinschlag) weitergegangen, um aus dem Einsatzgebiet zu kommen und mögliche weitere Rettungsmaßnahmen nicht zu behindern. Obwohl wir nicht einschätzen konnten, ob überhaupt noch weitere Maßnahmen erfolgen. Meine Bitte an das Rettungsteam: Wenn absehbar ist, dass ein größerer Einsatz bevorsteht, sehe ich es als sinnvoll an, das Gebiet frühzeitig und nicht erst nach mehreren Stunden durch einen Alpinpolizisten abzusperren. Dann können Vorfälle wie in diesem Ausmaß erst gar nicht entstehen.

Kritik an der Hubschrauber-Durchsage

Auch die Durchsagen durch den Polizeihubschrauber sollten überdacht werden. Hier wäre es besser, der Hubschrauber macht seine Durchsage erst, wenn der zweite Hubschrauber wieder aus dem Einsatzgebiet weggeflogen ist. Durch den Lärm von nur einem Hubschrauber kann man möglicherweise den Lautsprecher besser verstehen. Vielleicht ist es auch nur im Nahbereich des Hubschraubers nicht so optimal, die Durchsagen zu hören, und etwas weiter entfernt sind diese etwas besser zu verstehen. Dann hatten wir einfach nur Pech, zu nah am Polizeihubschrauber zu sein. Am besten wäre eine Lösung, Information in visualisierter Form an die Umgebung weiterzugeben.

Ich habe mich als teilweise Beteiligter durch die Berichterstattung in der Presse nicht wiedergefunden. Ich bin Bergsteiger und kein Gaffer und sicherlich will ich aus Gründen der Neugierde keine Menschen gefährden oder Rettungsmaßnahmen behindern.

Teisendorfer stürzt bei Watzmann-Überschreitung 100 Meter in den Tod

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Bitte beachten Sie diese Gedankengänge bei weiteren Einsätzen. Sie sollten sich immer bewusst sein, das Geschehen durch eine große Panoramabrille beobachten zu können, aber gleichzeitig auch im Kopf haben, dass unbeteiligten Dritten nur ein Bruchteil dieser Informationen zur Verfügung steht und diese sich daher auch anders verhalten, als von Ihnen erwartet.

Abschließend eine Anmerkung zur Überschreitung des Watzmann-Grats. Wir waren klassisch mit festen Bergschuhen (Klasse B-C) ausgerüstet. Nicht zu schwer zum Gehen, aber doch fest genug, um guten Halt auch auf kleineren Tritten zu haben.

Wir haben beobachtet, dass ein nicht unerheblicher Teil der Bergsteiger nur mit Trail-Laufschuhen und vergleichbarem Material unterwegs war. Diese Leute waren meist nur spärlich ausgerüstet, Wasserflasche und kleiner fünf bis zehn Liter Rucksack. Wahrscheinlich gehen diese Leute die Tour vom Tal aus an und wollen so schnell als möglich durch.

»Watzmann-Grat ist kein Trainingsgelände«

Mein Eindruck ist, dass diese Leute diese doch hochalpine Tour als Trainingstour sehen. Quasi als Ersatz für das Laufband im Fitnesscenter. Dies stimmt mich bedenklich, ist doch speziell durch das nicht so sichere Schuhwerk ein erhebliches Gefahrenpotenzial vorhanden.

Der Watzmann-Grat ist kein Trainingsgelände, sondern eine anspruchsvolle Bergfahrt. Man sollte dies speziell den Einheimischen deutlich machen, die mal kurz von zu Hause aus ein bisschen am Watzmann trainieren gehen wollen. Vielleicht kann man auch so die Unfallzahlen und damit die Einsatzzeiten der Bergwacht reduzieren. fb