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Brähmers WM-Titel wichtiger als Maccarinellis Auge

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Champion
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Jürgen Brähmer behält seinen Titel nach klarem Sieg. Foto: Bernd Wüstneck Foto: dpa
Einäugig
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Das rechte Auge von Enzo Maccarinelli nahm bedrohliche Ausmaße an. Foto: Bernd Wüstneck Foto: dpa

Rostock (dpa) - Einige Zuschauer schlugen die Hände vors Gesicht, wollten nicht mehr hinsehen. Enzo Maccarinelli hatte ein zugeschwollenes rechtes Auge, groß wie ein Tennisball. Unter den Schlägen von Box-Weltmeister Jürgen Brähmer hatte sich die Kieferpartie darunter gefährlich verformt.


Schon das Zusehen bereitete Schmerzen. Doch Ringrichter, Ringarzt und der Trainer des Walisers wollten den Titelkampf in Rostock lange Zeit nicht abbrechen.

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Erst zu Beginn der sechsten Runde hatte die Ecke des einäugigen britischen Herausforderers ein Einsehen und stoppte das Duell. Mithin blieb der nach Punkten führende Brähmer WBA-Weltmeister im Halbschwergewicht. Es war seine erste Titelverteidigung.

»Der Doktor hat gefragt: 'Kannst du was sehen?' Ich habe ja gesagt. Aber ich konnte gar nichts mehr sehen«, gestand Maccarinelli mehr als eine Stunde nach dem Kampf. Dabei legte er den Kopf in den Nacken und drückte sich einen riesigen Eisbeutel auf das geschlossen Auge. Brähmer hatte den Rivalen mit einem linken Cross in der erste Runde die enorme Schwellung zugefügt und später zugegeben: »Ich wollte immer auf die Verletzung hauen, damit die Wunde größer wird.«.

In den vier anschließenden Runden schickte der italienische Ringrichter den früheren Cruisergewichts-Champion zweimal zum Ringarzt, der entschied auf Weitermachen. »Solange der Boxer koordiniert schlägt und er der Meinung ist, er könne sich verteidigen, können wir ihm die Chancen nicht einfach nehmen«, begründete der Bayreuther Arzt Walter Wagner seinen Entschluss.

Maccarinellis Trainer Gary Lockett offenbarte unfreiwillig, dass die Gesundheit seines Schützlings erst an zweiter Stelle stand. Wichtiger war der mögliche Gewinn des Titels. »Er besaß noch die Chance, den Kampf zu gewinnen. Die meisten Leute hatten doch vorher gesagt, das ist wahrscheinlich Enzos letzte Möglichkeit, einen WM-Titel zu holen. Die wollte ich ihm doch nicht nehmen.« Folglich hatte der Coach seinem Boxer nach der vierten Runde verordnet: »Du hast noch eine Runde, ihn zu besiegen. Dann war's das.« Der 33-Jährige wurde immer wilder, keilte mehr, als dass er boxte. Brähmer keilte zurück.

Parallelen zu einstigen großen Duellen wurden bemüht. Ex-Weltmeister Dariusz Michalczewski kämpfte 2002 gegen den Jamaikaner Richard Hall gar mit zwei zugeschwollen Augen. Nach dem Einwand, er könne jetzt gar nichts mehr sehen, hatte damals Trainer Fritz Sdunek seinem Schützling in der Ringpause befohlen: »Dann geh jetzt und hau ihn um!« Der »Tiger« gehorchte.

Auch Graciano Rocchigiani schaffte 1991 gegen den Niederländer Alex Blanchard noch einen K.o.-Sieg mit geschlossenem Auge. Doch auch Beispiele aus der Vergangenheit und der Einwand, Profiboxen sei kein Wattebauschwerfen, können den zu späten Abbruch nicht gutheißen. »Beim Eishockey oder Rugby gibt es mehr Verletzte als im Boxen. Boxen ist ein kontrollierter Sport«, beteuerte Promoter Kalle Sauerland.

Brähmer, der jetzt bei 43 Siegen in 45 Profikämpfen steht, hat nun Großes vor. »Hopkins wäre ein Knaller«, lautete der Wunsch des 35 Jahre alten Schweriners für seinen nächsten Einsatz. Der Amerikaner Bernard Hopkins ist mit 49 Jahren der älteste Titelgewinner, verweist auf die meisten Titelverteidigungen und die längste Titelregentschaft in der Boxgeschichte. Sauerland will den IBF-Champion nach Deutschland holen. »Ich sehe gute Chancen«, meinte er.

Allerdings hat Hopkins von seinen 64 Kämpfen nur drei im Ausland bestritten, davon zwei im benachbarten Kanada. Um gar den Kontinent zu wechseln, müsste er mit Geld zugeschüttet werden. Zumindest über den Sieger eines solchen Duells bricht sich Brähmers Promoter nicht den Kopf: »Nach Schlagkraft, Präzision, Technik und Amateurschule ist Jürgen der beste Halbschwergewichtler der Welt.«

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