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Bloß keine Seife nach dem Waldbrand!

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Haben wir es mit einem Parzifal zu tun, mit einem Jung-Siegfried gar? Der reine Tor, der seine Wurzeln nicht kennt, der angehalten ist, nicht zu fragen und der doch aufbrechen muss, um Gewissheit zu bekommen: In archaische Seelengefilde führt uns Händl Klaus in seinem neuen Stück – und ist doch mehr als heutig in einer Gesellschaft, in der sich ausblendende (oder ausgeblendete) Väter die normalste Sache der Welt scheinen.


Brandaktuell im Wortsinn, weil unmittelbar nach dem Waldbrand. Geschwärzte glatte Baumstämme links und rechts der Bühne, zum Drahtgestell skelettierte Bienenstöcke. In die Natur hatte Kathrin, die Mutter, den Knaben Lukas verpflanzt, »ein Kind, das in der Stadt entstanden ist, am Land erzogen«. Die Natur ist jetzt verwüstet, und Lukas reagiert so pubertär wie altklug: »Ich betrachte den Brand als ein köstliches Ereignis«, denn »diese wuchernde Umgebung kann den Vater nicht ersetzen«.

Aber erst kommt Peter, der Polizist, auf der Suche nach dem Brandstifter. Er trifft auf Kathrin, ein ätherisches Wesen im luftigen Kleid, mit fliegenden Haaren. Noch schläft sie auf einem harten Stein wie das wach zu küssende Dornröschen. Und prompt knistert es zwischen Peter und Kathrin, man begegnet einander in einer Vertrautheit, die auf Vergangenheit schließen lässt. Es ist mehr als Berufsinteresse des Inspektors, wenn es da heißt: »Wir müssen uns den Tatort bewahren.«

Ist Peter Lukas' Vater? Da ist noch ein Mann, Wim, der Wanderimker. »Ein stiller Mensch … er wandert durch die stillen Wälder mit den Bienen, die er weidet.« Wenn er dann da ist, wird er sich seinerseits als hochgradiger Naturhasser zeigen und vom Knaben prompt als »Vater« chiffriert. Mit dem Kind wollen in Wirklichkeit beide Männer nichts zu tun haben. Wir sind am Ende nicht klüger als zuvor.

Wie so oft bei Händl Klaus: kein echter Dialog, sondern oft Wort für Wort gesplittete Texte, »ein Sprachkörper, den sich die Figuren teilen«, wie es der Autor umschreibt. Das gleitet oft ab in artifizielles, verdächtig leer laufendes Wort-Geklingel. Aber Händl Klaus hat ja kein Sprech-, sondern ein »Musik-Stück« geschrieben und »Meine Bienen. Eine Schneise« dezidiert der Osttiroler Musicbanda Franui gewidmet, diesen mutigen Quergängern, die ihren Stil darin gefunden haben, keine Stilgrenzen zu akzeptieren – aber dafür musikantische Urlust zu leben und auf den erhellenden Side-Kick zwischen U- und E-Musik zu vertrauen.

»Meine Bienen« sind so zum musikalischen Hummelflug geworden, zur Oper beinah. Das wächst vom Melodram hinüber zur Bänkelsänger-Ballade, es knallt blechern, fokussiert sich aber auch sehr subtil in sechs frühen Liedern von Alban Berg. Das übersteigt an Originalität den Text bei weitem. Bei dem schleicht sich ja doch manchmal der Verdacht auf inhaltliche Wald- und Wiesen-Psychologie ein. Text und Musik kann man wohl nur als Gesamtpaket nehmen.

Wäre »Meine Bienen. Eine Schneise« überhaupt überlebensfähig ohne die vier Bühnenmenschen von außerordentlichem Charisma? Brigitte Hobmeier ist Kathrin, der als »Natur-Erzieherin« alle Fäden entglitten sind, die jetzt halt- und bodenlos zu schweben scheint. Stefan Kurt ist nur auf den ersten Blick der sachliche Inspektor, in Wirklichkeit ein Schwärmer und angstvoll Liebender. Und erst der wunderbare André Jung als Wim. Eine derbe Dunkelfigur auf den ersten Blick, ehemaliger Häftling. Hat Kathrin völlig recht, wenn sie den vermeintlichen Tunichtgut wüst beschimpft (»Weil deine Stimme hässlich ist …. das überträgt sich aufs Gesicht …«) und ihren Sohn fernhält von ihm? Da sind Zwischentöne, wie überhaupt in diesem Schau- und Hörspiel kein Charakter so ist, wie er aufs Erste scheint.

Schwer abzuschätzen, was zu diesen eindreiviertel Stunden intensiven Musiktheaters der französische Regisseur Nicolas Liautard beigetragen hat und was unmittelbar von den Schauspielern kommt. Liautard ist der deutschen Sprache ja nicht kundig. Mag sein, dass sein Zutun mehr auf die Bühnen-Aura beschränkt war.

Und nun der Knüller des Premierenabends im Salzburger Landestheater, ein 13-jähriger Wiltener Sängerknabe in der Rolle des Lukas. Unglaublich gestelzte Formulierungen muss er von sich geben, die Lieder von Alban Berg singen, in einer Art Rezitativ oft mit Franui kommunizieren. Das gelingt ihm so selbstverständlich, musikalisch unbestechlich, er dreht mit Mutterwitz auf und katapultiert sich mit seinem Knabensopran quasi gleich wieder hinaus aus dieser Welt. Für die sechs Aufführungen stehen zwei Lukas-Darsteller zur Verfügung.

Das Premierenpublikum hat den Sängerknaben gefeiert und wirkte insgesamt höchst angetan vom Stück und seiner Umsetzung. Nicht unter den Tisch fallen darf, dass über allem »L'art-pour-l'art«-Touch der Humor nicht zu kurz kommt. »Deine Sehnsucht nach der Seife überrascht mich, ich grolle«, sagt die Mutter zum Knaben und hält eine Eloge über die Vorteile des (schlechten) Geruches, »weil wir ungenießbar sind … ein köstlicher Gestank, uns alle schützt er. Seife wird dich schwer verwunden.« Es spricht viel für einen gesunden Grind um Herz und Seele. Reinhard Kriechbaum