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Blatter spaltet - Hoeneß: «Neuanfang nur ohne ihn»

München (dpa) - Für Uli Hoeneß ist ein Neuanfang beim Fußball-Weltverband FIFA nur ohne Joseph Blatter möglich. Aber der FIFA-Präsident denkt gar nicht daran, seinen Thron zu räumen.

FCB-Präsident
Uli Hoeneß kritisiert den FIFA-Chef Joseph Blatter. Foto: Miguel Villagran Foto: dpa

Der Präsident des FC Bayern München kann sich nicht vorstellen, dass der 76-jährige Schweizer seine bis 2015 geplante Amtszeit übersteht - «geschweige denn, was er vorhat - noch mal zu kandidieren. Das wäre der Witz des Jahres!» So deutlich äußerte sich bislang niemand im deutschen Fußball: Die Reaktionen auf Blatters Auftritt bei und nach der Exekutivkomitee-Sitzung in Zürich schwanken ansonsten zwischen Defensive und Diplomatie.

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Der FIFA-Chef hat aus seiner Sicht einen Befreiungsschlag im Schmiergeldskandal gelandet. Voller «Enthusiasmus» sei er, sagte er nach der Verabschiedung des Ethikkodexes und der Besetzung der beiden Kammern der neuen Ethikkommission, und sprach von einem «historischen Tag» im Reformprozess. Rücktritt ist für den «Sonnenkönig» kein Thema. Im Führungsgremium des Weltverbandes, das bestätigte auch das deutsche Mitglied Theo Zwanziger, sei eine mögliche Demission Blatters nicht einmal diskutiert worden.

«Es sieht nicht gut für ihn aus», sagte hingegen Hoeneß Stunden später am Rande einer Spendenübergabe in München und nahm kein Blatt vor den Mund. «Das, was er da vorgestellt hat, ist ja nicht mal das Papier wert, worauf es geschrieben ist», meinte der langjährige Manager des deutschen Rekordmeisters. Hoeneß ist einer der größten öffentlichen Kritiker des Weltverbandspräsidenten - und einer der wenigen. Dass er bei seinem 60. Geburtstag im Januar auf einen Rauswurf Blatters gewettet habe, das bestritt er allerdings.

Reformator oder rücksichtsloser Regent? Ligapräsident Reinhard Rauball bleibt bei seiner Rücktrittsforderung, die er Blatter vergangene Woche telefonisch selbst übermittelt hatte. Der frühere DFB-Präsident Zwanziger lobt Blatter indes als «treibende Kraft» im Reformprozess - «so paradox dies auch klingen mag». Es sei oftmals gar nicht so leicht gewesen, die notwendigen Mehrheiten im Exekutivkomitee zu erhalten.

Eine Front der großen europäischen Fußballmächte gegen Blatter scheint sich jedenfalls nicht aufzutun, wenn Zwanziger erklärt, dass sein Verhalten auch eng mit dem Denken und Handeln der anderen europäischen Vertreter übereinstimmen sollte. «Denn schließlich bin ich von der UEFA in dieses Gremium gewählt worden.»

Rückendeckung erhält Blatter auch von den Medien. So druckte der Schweizer «Blick» am Dienstag den 1,71 Meter großen und beleibten Blatter als vollschlanken und hochgewachsenen Gary Cooper. Dazu die Schlagzeile: «High Noon am Zürichberg: Blatter will die Bösen erledigen.» Auch der Anti-Korruptions-Beauftragte der FIFA, der Schweizer Strafrechtler Mark Pieth, hat sich längst öffentlich auf die Seite Blatters geschlagen und tut dies in Kommentaren und Interviews kund: «Im Moment braucht's Blatter». Die Frage, warum der Reformprozess nicht ohne den Mann ablaufen kann, der von Bestechungsgeldern an FIFA-Kollegen gewusst hat, hat noch kein Funktionär beantwortet.

Pieth rechnet damit, dass in Kürze im Fußball-Weltverband noch weitere Schmiergeldzahlungen aufgedeckt werden könnten. «Ich gehe davon aus, dass in der Vergangenheit und in der Gegenwart Neueres gefunden wird. Das ist angesichts der Struktur dieses Verbandes durchaus zu erwarten», sagte der Schweizer Kriminologe in einem Interview dem Sender NDR Info.

Zwischen den Meinungen im Profifußball wie jene von Hoeneß und Rauball und der Zurückhaltung Zwanzigers liegt Wolfgang Niersbach, der nicht in Schwarz-Weiß-Denken verfällt. «Das Wort Rücktritt wird keine offizielle Initiative des DFB werden, so anmaßend sollten wir nicht sein», sagte der neue DFB-Präsident. «Wir (die FIFA) sind ein Verband von 209 Mitgliedsländern, da wird man ausloten müssen, wie die Gesamtstimmung da ist.»

Niersbach ist erst einmal erleichtert, dass Blatter die Andeutungen, dass bei der Vergabe der WM 2006 nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sei, «zurechtgerückt hat, relativiert hat und auch deutlich gemacht hat, dass er nichts unterstellen wollte». Mit ebenso große Freude habe er festgestellt, «dass die neue Ethikkommission den klaren Auftrag bekommen hat, diese Dinge noch genau zu untersuchen, die da in dem Zusammenhang mit ISL und Geldzahlungen öffentlich geworden sind.»