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Bilder einer Ausstellung: 170 Jahre Spitzenartistik

Berchtesgaden – Sie sind in ihrem Artistenleben immer aneinander vorbeigefahren, auf dem Einrad. In ihren guten Zeiten waren der Wahl-Berchtesgadener Rudy Horn und der Wahl-Einbecker Manfred Morle Morgenstern erfolgreiche und weltbekannte Artisten. Aber niemals gemeinsam in einem Programm. Die Ausstellung über Rudy Horn im Schloss Adelsheim brachte den 80-jährigen Berchtesgadener und den 90-jährigen Morgenstern erstmals zusammen.

Ein Duett mit Einrad. Manfred »Morle« Morgenstern (r.) nahm den weiten Weg von Einbeck auf sich, um Rudy Horn kennenzulernen und die Ausstellung im Schloss Adelsheim zu sehen.

»Unbedingt wollte ich Rudy Horn persönlich kennenlernen«, sagte Manfred Morgenstern. »Ich kenne ihn natürlich, aber es gab keine persönliche Begegnung bisher.« Deshalb hat Morgenstern, der unter dem Künstlernahmen »Morle« auftrat, die lange Reise von Einbeck nach Berchtesgaden auf sich genommen. Und weil er in München feststellte, dass er es per Bahn nicht mehr bis Museumsschluss schaffen würde, nahm er ein Taxi nach Berchtesgaden. »Ein teurer Spaß«, sagt Morle, aber es sei ihm dies Wert gewesen.

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So konnte Rudy Horn einen besonderen Gast in seiner Ausstellung begrüßen. Und mit ihm »fachsimpeln«, denn Morle Morgenstern war einst ein Jongleur-Kollege, ebenso weltweit engagiert wie Horn, der es sogar zu Weltmeister-Ehren brachte. Beide begeisterten ihr Publikum vom hohen Einrad aus.

Rudy Horn trat als Solist auf, begleitet von Ehefrau und Assistentin Helga. Morgenstern trat mit Nichte und Ehefrau als »Die drei Morles« auf. Rudy Horns spektakulärste Nummer war wohl die mit den sechs Tassen, die er übereinander auf seinem Kopf stapelte. Morle Morgenstern berichtet sogar von acht Tassen, die er auf dem Kopf der auf seiner Schulter sitzenden Nichte jonglierte. »Der hat Tassen und Teller aber mit der Hand nach oben geworfen, das ist viel leichter«, sagt Rudy Horn, der darauf verweist, dass er sein Geschirr per Fuß in die Höhe beförderte.

Morle Morgenstern, gebürtig aus Dresden, war ein Autodidakt als Jongleur, denn, so sagt er heute bedauernd, eine Zirkusschule gab es damals nicht. Die ersten Auftritte absolvierte er im berühmten Zirkus »Sarrassani«. Klapp- und Gartenstühle ließ er später durch die Luft fliegen. Dann kamen die Kaffeetassen, die er auf einem Hochrad umherwirbelte.

In den Karriere von Rudy Horn und Morle Morgenstern gibt es doch eine Reihe von Gemeinsamkeiten. Beider erarbeiteter Ruhm fußte auf der schmalen Auflagefläche eines Einrades, beide begeisterten ein weltweites Publikum mit waghalsigen Balanceakten.

Im Schloss Adelsheim ging es aber doch ruhiger zu. Die beiden »Urgesteine« des Jonglierens sind im »gesetzten Alter«, das ihnen auch die vielgepriesene Weisheit geschenkt hat. Also traktierten sie sich nicht mit fliegenden Tassen, bevor Morle Morgenstern, von Rudy Horn zum Bahnhof begleitet, die sehr weite Heimreise antrat. Froh darüber, dass es, wenn auch spät, doch noch zum Zusammentreffen mit dem berühmten Kollegen gekommen ist.

Noch bis morgen Sonntag läuft die umfangreiche Ausstellung zum 80. Geburtstag von Rudy Horn im Schloss Adelsheim. Seit Anfang April haben sich viele Besucher mit dem Leben und der außerordentlich erfolgreichen Laufbahn des einst »besten Jongleurs der Welt« vertraut gemacht.

Im kommenden Jahr wird die Ausstellung in Nürnberg gezeigt, dem Geburtsort Rudy Horns. Dieter Meister