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Bilanz eines Lebens und einer Ehe

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Herr Jules ist tot, der Nachbarsbub zieht jetzt für beide Spieler die Schachfiguren (links). Alice zieht derweilen Bilanz ihrer langen Ehe, die so unvermutet durch den Tod beendet wurde. (Foto: B. Heigl)

Nicht immer ist der Tod so gnädig, wie in dem Theaterstück »Ein Tag mit Herrn Jules«, gespielt von dem Duo Mirabelle aus Tübingen in der Traunsteiner Kulturfabrik NUTS nach dem gleichnamigen Buch von Diane Broeckhoven. Anlass war die 20-Jahr-Feier des ambulanten Hospizdienstes der Traunsteiner Caritas.


Bevor nämlich Alices Ehemann Jules stirbt, macht er ihr – ein altes Ritual der Beiden – solange sie noch im Bett liegt, Kaffee und stirbt wenige Minuten darauf in seinem Ohrensessel einen geschwinden, leisen Tod. So wünscht sich wohl ein jeder seinen Tod im Alter, daheim, sanft und mitten im vertrauten Leben.

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Zu den eingespielten Geräuschen einer Kaffeemaschine sieht man Alice zu Beginn, wie sie noch durch ihre Träume schwebt. Sie scheint einen glücklichen Traum zu haben, dessen altersunabhängige Schwerelosigkeit die Darstellerin mit fließenden, aus dem Ballett kommenden Bewegungen zeigt. Im Traum sind wir nicht nur unschuldig, sondern auch alterslos, eine so interessante wie poetische Erkenntnis.

Als Alice den Tod ihres Mannes bemerkt, will sie es nicht wahrhaben, bringt ihm seine Schuhe, und deckt ihn mit einer Wolldecke zu, während sie mit ihm plaudert., als wäre nichts geschehen. Nur allmählich begreift sie, dass sie nach 55 Jahren Ehe nun alleine sein wird. Für alles wird sie nun alleine zuständig sein. Die bewährten Rituale, die Aufgabenteilungen, wie das Einkaufen, das Kochen, die Routine des Alltags, all das hat nun ein abruptes Ende genommen. Da sind wir letztlich wahrscheinlich alle ein wenig Autisten, wenn wir Gewohntes hinter uns lassen müssen.

Alice bildet sich ein, dass, wenn sie das Ableben ihres Mannes erst einmal für sich behält, er quasi noch nicht wirklich tot ist, denn die anderen glauben ja, er lebe noch. Doch ihr Plan scheitert, als der autistische Nachbarsbub zum täglichen Schachspiel vorbeikommt und auf den ersten Blick erkennt, dass sein Schachpartner tot ist und nicht nur eine Grippe hat, wie Alice ihm weiszumachen versucht. Er jedoch, eingesponnen in seine autistische Welt, in der sich nichts ändern darf, lässt sich das Schachbrett geben, und spielt die Partie, indem er auch die Züge des Gegners mit übernimmt.

Währenddessen erfährt das fasziniert lauschende Publikum, was dieses Ehepaar ausgemacht hat. Alice zieht in einer Art erweitertem Selbstgespräch eine Bilanz ihrer Ehe, die mit all ihren Höhen und Tiefen eine von vielen ist und doch etwas ganz Besonderes war, weil es ihre Geschichte ist. Beunruhigend, wie viele Geheimnisse in so einer Zweierbeziehung schlummern, in der es so viel Unausgesprochenes gibt. Zu zweit allein. Jeder bleibt eben ein geheimnisvolles Individuum, auch wenn man 55 Jahre Bett und Tisch miteinander teilt.

Die Gebrechlichkeit des Alters, das Schlurfen, die athrothisch-steifen Bewegungen der Hände, der kindliche Blick des hohen Alters, in dem so viel Weisheit, aber auch selbstbestimmte Sturheit ist, all das zeichnet Mirijam Orlowsky filigran und sehr liebevoll in ihrer Darstellung der Alice. Im Gegensatz dazu Isabelle Guidi, die den jungen Autisten mit unglaublicher, nie nachlassender Intensität spielt, die mit großer Energie den unkontrollierten Bewegungsdrang mit den immer wiederkehrenden Mustern darstellt und eine enorme Tiefe ihrer Figur auslotet.

Faszinierend ist auch der Schluss. Der junge Schachspieler bleibt aufgrund äußerer Umstände über Nacht und die Regie zeigt die beiden, wie der »kleine Tod«, der Schlaf, alles aufhebt. Beide schweben in ihrem geschmeidigen Traumtanz durch ihre Traumwelt. Hier ist man weder behindert noch alt. Was für ein Segen doch der Schlaf ist – der kleine wie der große. Barbara Heigl

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