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Beruhigung auf der Scherzo-Tanzfläche

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Bernard Haitink (vorne) hatte Bruckners »Achte« im Griff, die Wiener Philharmoniker spielten bis ans letzte Streicher- und Bläserpult motiviert. (Foto: Borrelli/Salzburger Festspiele)

Wie steuert man von Blech-Gipfel zu Blech-Gipfel? Was tun, um dazwischen die Energieflüsse nicht versiegen zu lassen? Diese falsch gestellte Frage mag das Problem allen Bruckner-Dirigierens sein. Wie falsch sie ist, das zeigte auf bewundernswerte Weise Altmeister Bernard Haitink bei den Festspielen.


Programmatische Linie heuer (und nächstes Jahr) ist für die Salzburg-Konzerte der Wiener Philharmoniker die Beschäftigung mit »ihrer« Musik. Mit Werken also, die dieses Orchester – als Hofopernorchester oder eben unter dem Markenzeichen Wiener Philharmoniker – uraufgeführt hat. Bernard Haitink ist längst eine Instanz, was Bruckner angeht. Es war naheliegend, ihm das Festspielkonzert mit der »Achten« anzuvertrauen.

Einen Musik-Gipfelpunkt erlebte Hugo Wolf am 18. Dezember 1892. Der garstige Eduard Hanslick von der Anti-Wagner/Bruckner-Fraktion ließ sich aus gleichem Uraufführungs-Anlass darüber aus, dass diesem »traumverwirrten Katzenjammerstil« womöglich die Zukunft gehöre, »die wir nicht drum beneiden«. Ihm muss man zugutehalten: Damals hat eben nicht Haitink Ordnung und System in den »Katzenjammer« gebracht.

Es geht eben nicht um das Hinüberretten, sondern um die so wesentlichen Dinge zwischen den Klangkronen. Wer hat schon die enge Polyfonie, die knapp »nachtickenden« Schatten der Bratschen oder der Wagner-Tuben im Griff wie Haitink? Da wird man als Hörer nach jeder Generalpause aufs Neue quasi hinein gezwungen in die Feinmotorik, der Haitink so viel kapellmeisterliche Aufmerksamkeit schenkt. Das kulminiert logischerweise im 25-minütigen Adagio-Satz, der so wundersam unprätentiös vorbei gezogen ist. Wie beiläufig doch die Tuben sich in die Steigerungen einmengen, gleichsam die Wortführerschaft übernehmen, ohne dem Stimmgeflecht rundum die Gedankenfreiheit zu nehmen.

Die Wiener Philharmoniker fühlten sich, so schien es im Großen Festspielhaus, von Haitink bis ans letzte Streicher- und Bläserpult motiviert, ernst genommen in ihrer Mitbeteiligung. Dass der 86-jährige Doyen der Bruckner-Interpretation mit einem ökonomischen Mindestmaß an Bewegung auskommt, ist legendär. Seine sanften, dem Auditorium mehrheitlich verborgen bleibenden Winke finden augenblicklich ihr Echo.

Ebenso legendär aber auch Haitinks Unerbittlichkeit in Tempo-Fragen. Auch das Scherzo kommt wirklich »moderato« daher, weswegen das blechschwangere Thema sich zwar mächtig aufplustert, aber die Luft nicht peitschend zerschneidet. Und dann die Metamorphose dieses Themas durch das Corps der Holzbläser, gerundet und tonlich edel, wie in sanftem Licht erhellt: Verkehrsberuhigung auf der Scherzo-Tanzfläche, die ein Durchatmen und ein genaues Beobachten der Mittanzenden möglich macht. Reinhard Kriechbaum

Die Wiener Philharmoniker spielen am Sonntag, 16. August, ab 11.30 Uhr ein Sonderkonzert in der Salzburger Felsenreitschule. Die Philharmoniker musizieren gemeinsam mit 70 jungen Blasmusikerinnen und Blasmusikern aus Salzburg und Oberösterreich. Bereits zum zehnten Mal findet das erfolgreiche Nachwuchsförderungsprojekt, eine Koproduktion der Wiener Philharmoniker mit den Salzburger Festspielen und dem Salzburger Blasmusikverband, statt.

Die Musiker präsentieren in dem Konzert unter der Leitung des ehemaligen Wiener Philharmonikers Prof. Karl Jeitler ein Programm mit Werken von Julius Fucik, Pjotr I. Tschaikowski, Ruggero Leoncavallo, Johann Strauß, Josef Strauß sowie Hans Pernklau.