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Berchtesgadens Tote

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Die Geschichte des »Alten Friedhofs« reicht 333 Jahre zurück. Zahlreiche Persönlichkeiten sind dort begraben. (Fotos: Pfeiffer)
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Alfred Spiegel-Schmidt neben dem Grab von Anton Adner, der als ältester Bayer galt.

Berchtesgaden – Wenn Alfred Spiegel-Schmidt über den Alten Friedhof führt, dann nimmt er seine Besucher mit auf eine Reise durch die Jahrhunderte. Immerhin existiert der Friedhof seit 333 Jahren. Zahlreiche Persönlichkeiten wurden hier begraben, von der Nazi-Größe bis zum ältesten Bürger Bayerns. Und auch an das Wallfahrerunglück vom Königssee wird man erinnert.


Alfred Spiegel-Schmidt ist die Tour über den Alten Friedhof schon unzählige Male gegangen. Mehrmals im Jahr bietet er den mehrstündigen Rundgang an. Jahrelang hat er recherchiert, Archive studiert, Informationen zusammengetragen. Spiegel-Schmidt ist der Einzige, der zu beinahe jedem, der hier begraben wurde, eine Geschichte zu erzählen weiß. Er weiß um besondere Familiengräber, erzählt von einer Baumpflanzaktion im Jahr 1825, die stattfand, nachdem sich König Ludwig I. beschwert hatte.

Auch die größte Tragödie, die sich im Berchtesgadener Land bislang zugetragen hat, ist eng verknüpft mit dem Friedhof neben der Franziskanerkirche: 1688, drei Jahre nach dessen Eröffnung, ereignete sich ein Wallfahrerunglück am Königssee, bei dem 71 Menschen starben. Die Leichname wurden direkt neben der Franziskanerkirche begraben. Einen Steinwurf entfernt, gleich beim Eingang des Friedhofs liegt Anton Adner begraben, der von 1705 bis 1822 gelebt haben soll. »Obwohl das Geburtsjahr nicht nachweisbar ist«, sagt Spiegel-Schmidt, »gilt er als der älteste Bürger Bayerns«. 117 soll er geworden sein. Bekannt wurde er wegen der Berchtesgadener War, die er mit einer Kraxe durch die Lande trug. Im Sterbebuch steht folgender Eintrag geschrieben: »Ein Greis voll Heiterkeit und anziehendem Gemüt, der vier Jahre lang von König Maximilian väterlich unterhalten wurde.«

Die Wegbereiterin des Fremdenverkehrs

Ein paar Meter weiter stößt man auf das Grab von Dr. Moritz Mayer. Dessen Enkelin Moritzia gilt als Wegbereiterin des Tourismus in Berchtesgaden. Sie kaufte das alte Steinhaus am Obersalzberg und gestaltete es als Pension um, die spätere Pension »Moritz«, die zum Platterhof wurde. 1882 erbaute sie das Haus »Hoher Göll«, die heutige Dokumentation Obersalzberg, beherbergte zahlreiche prominente, finanzkräftige Gäste und machte Berchtesgaden zu einem Ort der Sommerfrischler, die gerne ihren Urlaub hier verbrachten.

Und da wäre das Familiengrab der Graßls, Gastwirtsfamilie in Unterstein, und bekannt als Enzianbrenner und Musikerfamilie. Franz, Franz Seraph und Sylvest, drei Brüder, die jeweils sieben Instrumente beherrschten, vom Flügelhorn über die Posaune bis hin zur Flöte. Mit der Familienkapelle unternahmen sie weite Reisen, statteten der Kaiserin in Wien einen Besuch ab, es ging neben Triest auch nach Paris und Speyer.

Eine bewegte Geschichte gibt es auch von Prälat und Ehrenbürger Otto Schüller zu berichten, der 66 Jahre lang Seelsorger in Berchtesgaden war, mehrere Jahre lang Kaplan während der Kriegsjahre und während des Dritten Reichs eine »schwere Zeit zu überstehen hatte«, so Spiegel-Schmidt. Vom Landrat wurde er verwarnt, er bekam Unterrichtsverbot in der Volksschule, Ortspolizei und SS nahmen den unbequemen in die Mangel.

Jahrhunderte alte Gräber

Dass der Alte Friedhof unter Denkmalschutz steht, das ist für Spiegel-Schmidt nicht ungewöhnlich. Viele Gräber dort sind teils Hunderte Jahre alt, die Grabsteine sind eingesunken, es existiert ein Franziskanergrab, das Ende des 20. Jahrhunderts aus der Gruft unter der Marienkapelle hierher verlegt wurde. Auch der Erbauer der Stiftskirchen-Türme liegt hier begraben: Salinenbaumeister Carl Lorentz. Oder Adalbert Waagen, königlicher Professor und Landschaftsmaler. Emy Karvasy, in Wien geboren, übersiedelte mit ihrer Mutter nach Berchtesgaden. »Sie war das, was man als Wunderkind bezeichnet«, sagt Alfred Spiegel-Schmidt. Das junge Mädchen besaß das absolute Gehör, konnte bereits mit vier Jahren alle Melodien aus dem Gedächtnis auf dem Klavier nachspielen. Mit sieben Jahren besuchte sie das Mozarteum in Salzburg, studiere dort sechs Jahre lang, ehe sie mit 13 Jahren ihren Abschluss erlangte.

Eine besondere Anekdote hat Spiegel-Schmidt über den Schriftsteller Richard Voß parat. Er war es, der an der Falkensteiner Wand einen riesigen bayerischen Löwen einmeißeln lassen wollte – zum Gedenken an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs. »Dieser Plan war einer der Gründe für die Errichtung des Naturschutzgebietes Königssee«, weiß Spiegel-Schmidt.

Ob Dr. Hans-Heinrich Lammers, der bei den Nürnberger Prozessen zunächst als Zeuge diente, dann selbst vor Gericht stand und verurteilt wurde, Freiherr Friedrich Wilhelm von Schoen (»Schoenhäusl«) oder Elsa Gräfin von Waldersee, die als Wohltäterin in die Berchtesgadener Geschichte einging: Ein Großteil, der auf dem denkmalgeschützten Friedhof Beerdigten, hat deutliche Spuren in der Ortsgeschichte hinterlassen. So auch Alexander von Mendelssohn-Bartholdy, der dem Markt beinahe zu großem Reichtum verholfen hätte. Berchtesgaden sollte sein halbes Vermögen erben, damals 12 Millionen Mark. Nach vielen Gerichtsprozessen mit den Verwandten um das Erbe, erhielt Berchtesgaden schließlich nur etwas mehr als 7 Millionen Mark zugesprochen. Darin war auch der Verkaufspreis eines Ritterguts in Schlesien für 5,5 Millionen Mark enthalten. Durch nachträglich zu zahlende Gerichtskosten, Abstandszahlungen und den Konkurs des Rittergut-Käufers blieb nahezu nichts von der Erbschaft für Berchtesgaden übrig. Außer, dass die Marktgemeinde noch heute das Grab des Ehrenbürgers pflegt – unentgeltlich. Kilian Pfeiffer