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Konzert im Sawallisch-Haus in Grassau begeistert Liebhaber klassischer Musik

Beflügelnde »Fantasien«

»Das gemeinsame Musizieren zu Hause, in Kindergarten und Schule, in kleinen Musikgruppen und Orchestern gehört zu den aufregendsten Erlebnissen im Leben eines jungen Menschen und ist zugleich eine der lebendigsten Kulturformen in unserer Gesellschaft.«

Martin Stegner (Viola) und Tomoko Takahashi (Klavier) verliehen ihren Instrumenten beim Konzert in Grassau Flügel. (Foto: Benekam)

Dieses Zitat von Wolfgang Sawallisch, einer der bedeutendsten Musikerpersönlichkeiten des vergangenen Jahrhunderts, erklärt seine Motivation zur Gründung der nach ihm benannten Stiftung im Jahr 2002. Nach einem Leben im Dienste der Musik wollte er mit seinem Vermächtnis, der Wolfgang Sawallisch Stiftung, auch über seinen Tod hinaus seinen Anteil am fruchtbaren Fortbestand von Förderung der Musikkultur sowohl in ihrer Spitze als auch an ihrer Basis leisten. In seinem ehemaligen Wohnhaus in seiner Wahlheimat Grassau finden, gemäß seinem Wunsch, seit seinem Tod hochkarätige Konzerte und Meisterkurse statt: Ein Geheimtipp für alle Liebhaber klassischer Musik. Fernab von Hektik und Alltagsstress schätzt der Konzertbesucher den »guten musikalischen Geist«, der diesem Ort innewohnt.

So genossen die Gäste unter dem Titel »Fantasien« mit Tomoko Takahashi (Klavier) und Martin Stegner (Viola) Werke von Georg Philipp Telemann, Robert Schumann und Claude Debussy. Mit Telemanns Fantasie in As Dur für Viola solo kam zu Konzertbeginn gleich ein besonderes, selten gehörtes barockes Bonbon zu Gehör. Telemann gelang es in dieser Komposition die sonst im Hintergrund agierende Bratsche vom »harmonischen Lückenfüller« zum variationsreichen Soloinstrument zu avancieren. Hingebungsvoll und hoch virtuos interpretierte Martin Stegner Telemanns Viola-Werk in den vier Sätzen Dolce, Allegro, Largo und Presto, wobei es ihm gelang, die bemerkenswerten Qualitäten dieses so weich und melancholisch klingenden Streichinstruments hervorzuheben und ihm große melodische Freiräume zu geben. Ein Fest für die restlos begeisterten Konzertbesucher.

Schumann hätte die Bearbeitung gefallen

Im Anschluss trafen die Fantasiestücke Op. 73 für Viola und Klavier von Robert Schumann nicht minder präzise den Geschmack der Gäste im Sawallisch-Haus. 1849 ursprünglich für Klarinette komponiert, begeistert es auch in der Bearbeitung für Klavier und Viola, auch wenn Schumann selbst monierte, dass es der eigentlichen Komposition nicht zugute kommt, sie auf andere Instrumente umzuschreiben. In der ausdrucksstarken Interpretation des bestens miteinander harmonierenden Duos, beide spieltechnisch versiert und gesegnet mit erfreulicher gestalterischer Sensibilität, hätte sich Schumann sicherlich eines Bessern belehren lassen.

Mit »Estampes L 108« des französischen Musik-Impressionisten Claude Debussy wurde der Titel des Konzertabends einmal mehr unterstrichen. Debussys Musik steht für überbordende kompositorische Fantasie, Variationsreichtum und klangschöne Vielfarbigkeit. Aus dem Französischen übersetzt erschließen sich die Themen der drei Sätze, die Takahashi mit atemberaubendem musikalischen Feinsinn ausgestaltete: Debussys »Estampes«, zu deutsch Grafik, zeichnet in lautmalerischer Weise für ihn fremde Welten nach: »Wenn man nicht das Geld hat, sich Reisen leisten zu können, muss man sie eben im Geiste machen«. So fühlten sich auch die Zuhörer in Grassau durch Debussys »Estampes«, ähnlich einer musikalischen Illustration, mit »Pagodes« nach Java im fernen Osten, mit »La soiree dans Grenade« nach Andalusien und mit »Jardins sous la pluie« in einen schönen französischen Garten im Regen entführt.

Einen Höhepunkt des romantischen Kunstliedes schuf Robert Schumann 1840 mit »Dichterliebe« op. 48, welches in der Bearbeitung für Viola und Klavier zugleich Höhepunkt darstellte. Die 16 Liedtexte aus »Das Buch der Lieder« von Heinrich Heine konnten die Konzertbesucher im Programm zur Musik mitlesen und dabei feststellen, dass Musikinstrumente »singen« können, poetische Verstärker sein können, welche exakt Emotion und Thema des zugrundeliegenden Textes einfangen und wiedergeben: Musik ist eben Poesie – und Poesie ist Musik. Riesenapplaus für ein auf allen Ebenen belebendes Konzert. Kirsten Benekam