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Beching kann überall sein

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Tatort Beching: Der Krimiautor Wolfgang Schweiger lässt seinen Hauptkommissar Gruber wieder einen kniffligen Fall lösen.

Hauptkommissar Andreas Gruber von der Traunsteiner Kripo hat ein Problem: Sein Zahnarzt, dem er sich seit 30 Jahren anvertraut hat, steigt aus und übergibt die Praxis einer Kollegin aus Traunreut. Mit 60 Jahren sei es an der Zeit, das Leben zu genießen und anderes zu tun.


Gruber ist vier Jahre älter, doch noch ehe er an seinen eigenen Ruhestand denken kann, holt ihn der Alltag seines Berufs ein: Hauptkommissarin Ulrike Bischoff informiert ihn über einen seltsamen Todesfall in der Nähe von Marquartstein, bei einem kleinen Ort namens Beching, er solle doch bitte sofort dorthin kommen. Gruber tut´s natürlich, und schon bald sitzen die beiden mächtig im Schlamassel.

»Ein Dorf in Angst«, dieses Beching eben. Zum ersten Todesfall gesellt sich bald ein zweiter, nur dass diesmal kein Herzinfarkt die Ursache ist, sondern ein gezielter Schlag auf den Kehlkopf. Aber warum? Und wer hat ganz bewusst auf diesen angetrunkenen, nächtlichen Luftschnapper eingedroschen? Was ist überhaupt los in diesem an sich ja so verschlafenen Beching, das sich eine alternde Schauspielerin genauso als Heimat auserkoren hat wie ein ehemaliger Sternekoch, der früher einmal in einen Immobilienskandal verwickelt war. Irgendwas muss hier vehement in den Chiemgauer Himmel stinken, denn warum war der Mann mit dem Herzinfarkt schwer bewaffnet gewesen? Wolfgang Schweiger schickt seine beiden Hauptprotagonisten hinein in ein Labyrinth, aus dem zu entkommen gewaltige Spuren hinterlässt: Nie mehr wird Beching das sein, was es zuvor gewesen ist. Und je klarer und einleuchtender schließlich dieser Fall sich entwickelt, desto mehr erschrickt man, weil man begreift, dass dieses Beching mit seinen Bewohnern überall sein kann. Es ist keineswegs nur eine fiktive Ansammlung von Bauernhäusern, von einem Gasthaus mit vorzüglicher Küche, oder einer schmucken Kirche samt Friedhof außenrum. Apropos Kirche: Da hatte es doch mal irgendetwas wegen eines Pfarrers gegeben …

Der frühere Bürgermeister Max Prechtl weiß natürlich viel, und das darf er auch in seinem Bairisch sagen. Die anderen Bechinger reden genauso, so wie ihnen in diesem verschlafenen Kaff der Schnabel gewachsen ist. Es ist das erste Mal, dass Wolfgang Schweiger auf den Chiemgauer Dialekt zurückgreift, und das gibt dieser Geschichte eine zusätzliche und ganz spezielle Note. Wir als Leser nämlich und als mit unserer Region Vertraute können uns diese Typen auch mittels ihrer Sprache und ihres Ausdrucks noch besser vorstellen, und gerade bei diesen »Heimat-Krimis« (ein Begriff, den der Schweiger Wolfgang so gerne auch wieder nicht hört!) ist es wichtig, dass auch die Handelnden in unserem Kopf entstehen, allerdings ohne dass wir dabei gleich diesen oder jenen Bekannten damit identifizieren wollen.

Und natürlich muss auch die Handlung nachvollziehbar sein. Es braucht nicht ein Dutzend an Abgeschlachteten, um Spannung zu erzeugen. Das mag vielleicht für manchen Tatort-Regisseur so gelten, aber in Krimis, die auf eine ländliche Region bezogen sind, wo jeder jeden kennt, könnte man das als an den Haaren herbeigezogen bezeichnen. Spannung lässt sich auch anders aufbauen, »Ein Dorf in Angst« ist ein weiteres Beispiel dafür, dass Wolfgang Schweiger diesen Kunstgriff blendend beherrscht. Ebenso besticht, wie er den Handlungsstrang geradlinig durchzieht oder dass dieser Gruber eben kein tollpatschiger Kommissar ist, der in jedes Fettnäpfchen tritt. Und man sollte sich unbedingt nach der letzten Seite seine eigenen Gedanken machen, vor allem über den Ursachenkomplex, der alles andere ist als konstruiert oder an den Haaren herbeigezogen. Und auch darüber, was man wohl an Grubers Stelle getan hätte, nachdem er … Nein, nichts wird verraten, nur soviel, dass man inständig hofft, Wolfgang Schweiger möge diesen Gruber doch nicht jetzt schon in den Ruhestand schicken. Denn das wäre wirklich nicht schön, wo wir uns doch so auf seine Fälle freuen, über all diese Schrecknisse hier bei uns im ach so idyllischen Chiemgau. Willi Schwenkmeier

Wolfgang Schweiger: Ein Dorf in Angst, 277 S.; Pendragon Verlag Bielefeld 2016.