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Gewerkschaft »Nahrung-Genuss-Gaststätten« befürchtet »Horror-Katalog« für 500 Bäckerei-Beschäftigte im Landkreis

Bäcker versus Brötchengeber

Berchtesgaden – Bis zu 500 Bäckerei-Beschäftigten sollen »drastische Einbußen« bevorstehen, wenn es nach der Gewerkschaft »Nahrung-Genuss-Gaststätten« (NGG) geht. Denn die Bäcker-Innung hat den Tarifvertrag zum 30. September gekündigt. Bäckermeister Alfons Neumeier findet das »eine gute Sache für beide Seiten.« Die Innung wehrt sich nun öffentlich gegen »unwahre Behauptungen« der Gewerkschaft NGG.

Natürlich geht's um's Geld: Die Bäcker-Innung hat den Tarifvertrag gekündigt, die Gewerkschaft befürchtet mehr Sonntagsarbeit, weniger Urlaub und gestrichenes Urlaubsgeld. Bäckermeister Alfons Neumeier aus Bischofswiesen findet die Tarifvertragskündigung dennoch gut – für beide Seiten. (Foto: Pfeiffer)

»Mehr Arbeit am Sonntag, bis zu zehn Tage weniger Urlaub und kein Urlaubsgeld mehr.« Mit dieser Verlautbarung machte vor wenigen Tagen die Gewerkschaft NGG auf sich aufmerksam. Den rund 500 Bäckern und Verkäufern im Landkreis stünden »enorme Einschnitte« bevor.

Vorausgegangen war der Pressemeldung die Kündigung des Tarifvertrags durch die Bäcker-Innung. Diese wiederum sagt, dass eine Regelung über die Altersstaffelung der Urlaubstage gekippt worden war: »Dass nun bis zu sechs Urlaubstage mehr verlangt werden können, ist eine enorme Belastung für unsere Betriebe«, so Landesinnungsmeister Heinz Hoffmann. Daher auch die Kündigung aus dem Tarifvertrag.

»Horror-Katalog« nennt die Gewerkschaft NGG jenes Angebot, das seitens der Arbeitgeber nun vorgelegt wurde. Für den Geschäftsführer der NGG-Region Rosenheim-Oberbayern, Georg Schneider, schneiden sich die Arbeitgeber »mit ihren Angriffen ins eigene Fleisch.« Man könne nicht die Tradition im Bäcker-Handwerk hochhalten und »gleichzeitig Fachkräfte durch schlechte Arbeitsbedingungen vergraulen«, so Schneider.

Bislang gilt in bayerischen Bäckereien ein Manteltarifvertrag für alle Mitarbeiter. »Wenn es nach den Bäcker-Chefs geht, soll damit ab Oktober Schluss sein«, so Georg Schneider. Laut NGG soll das »Urlaubsgeld von bis zu 142 Euro komplett gestrichen, die Sonntagsarbeit ausgeweitet und die Probezeit verdoppelt werden.«

Die Bäcker-Innung wehrt sich gegen diese Behauptungen: »Das ist so nicht richtig«, sagt Landesinnungsmeister Heinz Hoffmann und auch Wolfgang Filter, Hauptgeschäftsführer des Landes-Innungsverbands für das bayerische Bäckerhandwerk, im Gespräch mit dem »Berchtesgadener Anzeiger«. »Wir wurden regelrecht dazu gedrängt, aus dem Tarifvertrag auszusteigen«, sagt Filter. So wolle die Bäcker-Innung etwa das Urlaubsgeld nicht streichen, sondern in die Altersvorsorge der Beschäftigten hineinstecken. »Damit wird deren Lebensabend gesichert«, sagt Wolfgang Filter.

Ziel sei nicht, die Sonntagsarbeit auszuweiten, »sondern den Betrieben mehr Flexibilität zu verschaffen«, sagt Landesinnungsmeister Heinz Hoffmann. Auch das Urlaubsgeld solle nicht gestrichen, »sondern in die tarifliche Altersvorsorge überführt werden.« Zudem sei die Anrechnung von Krankheitstagen auf Urlaub nichts Neues: »Wir wissen, dass unsere Mitarbeiter engagiert und zuverlässig arbeiten. Leider gibt es einige Ausnahmefälle, in denen zulasten der Kollegen die Möglichkeit der Krankschreibung missbraucht wird«, sagt Hoffmann. Man wolle den Arbeitgebern die Möglichkeit geben, in Extremfällen »als letztes Mittel mit einer Anrechnung gegenzusteuern.«

Die Behauptung der Gewerkschaft NGG, der alte Tarifvertrag gelte nach Oktober nicht mehr automatisch weiter für alle Beschäftigten, sondern nur für Mitglieder der Gewerkschaft, sei falsch. »Gekündigte Tarifverträge gelten so lange fort, bis sie durch eine neue Regelung ersetzt werden«, sagt Hoffmann. Die Gewerkschaft betreibe mit »unwahren Behauptungen Mitgliederwerbung. Das haben wir so noch nicht erlebt.«

Immer weniger Fachpersonal befürchtet hingegen NGG-Geschäftsführer Georg Schneider: »Gerade, wenn man junge Leute für die Ausbildung gewinnen will, muss der Job in der Bäckerei attraktiv bleiben.« Deshalb fordert er eine Zurücknahme der Arbeitgeber-Angriffe. Diese sollten »sich lieber Gedanken machen, wie man gemeinsam die Arbeitsbedingungen in der Branche verbessern und damit gutes Fachpersonal gewinnen kann«, so Schneider.

Alfons Neumeier von den »Bäcker-Brüdern Neumeier« ist mit der Kündigung des Tarifvertrags zufrieden.Weiter dazu äußern möchte er sich hingegen nicht – und verweist auf die Bäcker-Innung, die erst Anfang der Woche mit einer Pressemeldung auf sich aufmerksam machte. Die öffentliche Auseinandersetzung mit der Gewerkschaft geht also in eine weitere Runde. Kilian Pfeiffer