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»Bach im Fluss der Zeit« vereint Musik und Wissenschaft

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Klavier zu vier Händen boten Rolf Plagge (rechts) auf den tiefen Tasten und Ralf Halk bei der »Fantasie für eine Orgelwalze« von Wolfgang Amadeus Mozart. (Foto: Janoschka)

Wie hat Johann Sebastian Bach die Musik-Welt verändert, und umgekehrt, wie haben spätere Komponisten den barocken Kompositionsstil von Bach interpretiert und auf ihre eigene Weise imitiert und verändert? Diese Fragen hatten sich die Künstler Professor Rolf Plagge und Ralf Halk, Vorsitzender des Kulturvereins Ainring, bei der Zusammenstellung des Programms unter dem Motto »Bach im Fluss der Zeit« gestellt.


Ralf Halk erklärte in seiner Einführung seine Intention zu dem Konzert, für das er mit vielen Helfern des veranstaltenden Kulturvereins im Hintergrund keine Mühen gescheut hatte: Auf der Bühne befanden sich immerhin gleich drei verschiedene Tasteninstrumente – der Bechstein-Flügel, ein Clavichord und eine Truhenorgel mit fünf Registern, die Katja Halk bei Bedarf als Registrantin bediente.

Kaum ein Werk im »Originalgewand«

Im ersten Teil des Konzerts wurde der alte Kompositionsstil mit Blick auf Kompositionsform, Kontrapunktik und Virtuosität vorgestellt. Dennoch hatte kaum ein Werk »sein Originalgewand« an, so Halk. Toccata, Adagio und Fuge C-Dur BWV 564 waren von Johann Sebastian Bach für Orgel vorgesehen. Rolf Plagge spielte dieses Werk in einer Fassung für Klavier von Ferruccio Busoni (1866-1924). Seinen mächtig-kristallklaren Anschlag in der Toccata löste ein warmes Adagio mit Gänsehauteffekt ab, das dann nach einer kurzen Kadenz in die Fuge mündete, in der Plagge mit wachsender Intensität auf einen Höhepunkt zusteuerte. Auch die abflauende Auflösung der Spannung arbeitete Plagge mit differenzierter Anschlagtechnik ebenso wie durch die Abwandlung der verschiedenen musikalischen Parameter hervorragend heraus.

Die drei Sätze »Concerto«, »Andante« und »Presto« aus Johann Sebastian Bachs Werk »Italienisches Konzert« BWV 971 spielte Ralf Halk auf der Orgel, auf dem mit einem Mikrofon verstärkten Clavichord und auf dem Klavier. Hatte zuvor Rolf Plagge eine Bearbeitung einer Bach-Komposition aus romantischer Sicht vorgestellt, zeigte Halk nun, wie unterschiedlich eine Originalkomposition klingen kann, wenn sie auf verschiedenen Instrumenten gespielt wird. Die Wahl des jeweiligen Instruments hatte Halk dem musikalischen Charakter des Satzes angepasst.

Im Vergleich der beiden Bachwerke wurde deutlich, wie sich die Rezeption barocker Musik durch die romantische Bearbeitung Busonis verändert hat. Trotz der unterschiedlichen Tasteninstrumente, auf denen Halk danach die drei Sätze des Italienischen Konzertes spielte, blieb das barocke Weltbild im ausgeglichenen Dahinfließen immer noch klar erkennbar. Das Besondere dieses Konzertabends waren somit nicht nur die herausragenden Interpretationen, sondern auch das musikwissenschaftliche Konzept, das in der dargebotenen Musik veranschaulicht wurde.

Blick der Klassik mit Virtuosität und Präzision

In der Fantasie in f-Moll für eine Orgelwalze, KV 608, in einer Fassung für Klavier zu vier Händen blitzte in Wolfgang Amadeus Mozarts Komposition der barocke Kompositionsstil mit einer charakteristischen französischen Ouvertüre zu Beginn und einer darauf folgenden Fuge auf. Diesen Blick der Klassik auf Bachs Werk erlaubten Rolf Plagge und Ralf Halk am Flügel mit Virtuosität und Präzision.

Der zweite Teil des Konzerts war aus der Sicht Bachs der kompositorischen Zukunft gewidmet, also der empfindsamen Musik im Rokoko- und klassischen Stil. Als Vertreter dieser Kompositionsweise wurden die Bach-Söhne Johann Christian Bach mit seiner Sonate G-Dur für zwei Klaviere und Carl Philipp Emanuel Bach mit seiner Orgelsonate D-Dur gewählt. Der Zusammenklang von Flügel und Orgel in »Allegro« und »Tempo di Menuetto« aus der G-Dur-Sonate war ebenso wie die abschließende Mozart-Sonate in D-Dur für zwei Klaviere, KV 448, – auch durch die besondere Registrierung der Orgel – äußerst reizvoll.

Die Frage der Wirkung von Musik auf andere Komponisten sowie der Veränderung eines Kompositionsstils, die parallel dazu mit einem anderen Weltbild einhergeht, erhielt in der Zugabe der beiden Musiker noch den abschließenden Kick mit Edvard Griegs Bearbeitung der »Sonata facile« KV 545 von Wolfgang Amadeus Mozart: Während Ralf Halk das mozartsche Original auf der Orgel spielte, ließ Rolf Plagge Griegs romantisch-ausschmückende Begleitung dazu am Klavier erklingen. »Das Ainringer Haus der Kultur war soeben ein Haus vollendeter Musikkultur«, fasste Bürgermeister Hans Eschlberger am Schluss zusammen, was alle Zuhörer des Konzertabends dachten und durch ihren herzlichen Applaus zum Ausdruck brachten – ein ganz besonderes Konzert. Brigitte Janoschka