weather-image

Auch heimische Reisebüros und Kunden von Thomas-Cook-Pleite betroffen

3.7
3.7
Traunstein: Heimische Reisebüros und Kunden von Thomas-Cook-Pleite betroffen
Bildtext einblenden
Viele Kunden des Reisekonzerns Thomas Cook sitzen im Urlaub fest – durchaus auch der eine oder andere aus dem Landkreis Traunstein. (Foto: Mohamed Krit/BELGA/dpa)

»Wie komm ich denn jetzt heim?«, »Muss ich wirklich den schon mal bezahlten Flug nochmal zahlen?«, »Wer ersetzt mir meinen Schaden?« – Fragen über Fragen, die sich derzeit etliche Reisende stellen – auch Betroffene aus dem Landkreis Traunstein.


Im Büro in Fridolfing hat zum Beispiel die Firma Marx-Reisen keine Betroffenen. »Aber in anderen Büros durchaus«, so eine Mitarbeiterin des Reisebüros mit neun eigenen Filialen. Da jedoch aufgrund der aktuellen Berichterstattung sehr viele Kunden verunsichert seien, habe man mit Anfragen alle Hände voll zu tun.

Anzeige

Dabei, so die Mitarbeiterin, sei die Rechtslage äußerst kompliziert. Kunden, die im Ausland auf ihre Heimreise warten, könnten unter Umständen in die Lage kommen, dass sie auch das Hotel selbst bezahlen müssen, wenn Thomas Cook den Hotelier noch nicht bezahlt hat. Flüge müssten im Normalfall erneut bezahlt werden. Natürlich sei man behilflich, so gut das möglich sei. Aber die Lage sei sehr unübersichtlich und ändere sich zudem ständig. »Da müssen wir wirklich den Einzelfall anschauen.«

»Viele wissen nicht, ob sie reisen können«

Auch das Traunsteiner Reisebüro Ticket Easy hat betroffene Kunden. »Viele wissen halt nicht, ob sie abreisen können und zu welchen Konditionen«, sagt Geschäftsführerin Anna Fembacher. Auch wenn Thomas Cook Deutschland gestern Insolvenzantrag gestellt habe, sei noch vieles unklar. »Im Moment können wir keine Reisen stornieren, weil es sein kann, dass der Insolvenzverwalter bestimmte Ziele oder Teile von Buchungen freigibt.« Man rechne damit, dass der Insolvenzverwalter am heutigen Donnerstag bestimmt wird. Alles weitere hänge davon ab, wie schnell dieser dann arbeite. Insofern sei es aber derzeit schwierig zu sagen, wer am Ende tatsächlich betroffen sein wird.

»Diese Woche waren es schon einige, darunter auch ein Brautpaar, das nicht in die Flitterwochen fliegen konnte. Aber nächste Woche hoffen wir, dass es weiter geht.« Auch gebe es Kunden, die noch nicht wüssten, wie sie heim kommen. »Das Problem ist, Condor transportiert zurzeit keine Neckermann-Kunden. Der Platz im Flugzeug ist aber da, das heißt, der Kunde kann sich den Platz neu kaufen. Wir gehen davon aus, dass er sein Geld dann von der Insolvenzversicherung erstattet bekommt und arbeiten intensiv daran, die Abreisen für heute und morgen zu ermöglichen. Was uns glücklicherweise auch gelingt.« Aber man warte ständig auf neue Informationen, denn vieles sei derzeit noch unklar.

Vom Waginger Reisebüro Wembacher verbringen derzeit mehrere Kunden ihren Urlaub mit Reiseveranstaltern der Thomas-Cook-Gruppe. »Der Großteil befindet sich aktuell in Mittelmeerländern wie der Türkei oder Griechenland«, hieß es dazu auf Anfrage. Man gehe derzeit davon aus, dass alle Gäste, die bereits im Urlaub sind, wie gebucht nach Deutschland zurückbefördert werden. Das könne aber einen Tag später wieder anders ausschauen. Für Buchungen, die nicht durchgeführt werden könnten, arbeite man mit Hochdruck an Lösungen.

Seit der neuen Pauschalreiserichtlinie, in Kraft getreten im Juli 2018, seien sogar Reisebüros verpflichtet, Kundengelder gegen die eigene Insolvenz abzusichern, so Victoria Hastreiter von Wembacher Reisen. »Wichtig ist seither vor allem, Kunden klar mitzuteilen, welche Art von Reise gebucht wurde. So hieß es: 'Pauschalreise gebucht – alles gut – Sie sind durch den Sicherungsschein gegen eine mögliche Insolvenz des Veranstalters abgesichert'«.

ADAC-Pressesprecher Stefan Dorner berichtet dazu, »wir hatten gestern zwei Reisekunden, die über den ADAC Südbayern gebucht haben und nicht befördert wurden, und heute einen. Aus dem Bereich Traunstein ist uns bislang keiner bekannt.« Die Kollegen im Reisebüro dort informierten aber sehr viele Kunden im Beratungsgespräch und seien im ständigen Austausch mit dem Reisevertrieb in München, um immer auf dem aktuellen Stand zu sein.

Wer festsitzt, sollte sofort Kontakt aufnehmen

Probleme gebe es vor allem für Urlauber in der Türkei, Tunesien und Mallorca. Pauschalreisende, die am Urlaubsort festsitzen, sollten sofort den Reiseveranstalter kontaktieren. »Auch wir versuchen, Ersatzflüge anzubieten. Ist dies nicht möglich, sollten Pauschalreisende sich an den im Sicherungsschein benannten Ansprechpartner wenden – auch der kann einen Ersatzflug organisieren«. Wer seinen Flug direkt gebucht habe, müsse sich an die Airline wenden. »Das Problem: Es gibt keinen Anspruch auf Rücktransport und auf Erstattung der Kosten. Diese können nur im Insolvenzverfahren geltend gemacht werden.«

Pauschalreisende, die noch gar nicht starten konnten, sollten bei ihrem Reiseveranstalter nachfragen, ob ihre Reise wie geplant stattfindet. Falls nicht, bekommen sie ihr Geld über den Sicherungsschein zurück. »Wer individuell gebucht hat, sollte klären, ob der Flug stattfindet oder die Hotelbuchung noch besteht.«, rät Dorner. Falls ja, sei zwar ein Storno durch den Urlauber möglich – »es fallen allerdings Stornokosten an. Nur wenn das Hotel oder die Fluggesellschaft die Leistung nicht erbringt, besteht ein Anspruch auf volle Erstattung der Kosten.«

Dorner sagte, er sehe die Bundesregierung nicht zwangsläufig in der Pflicht, die Kunden auf Kosten der Allgemeinheit zurückzuholen. »Dafür gibt es die Versicherung von Thomas Cook. Anders sieht es vielleicht bei der der Cook-Tochter Condor aus, die jetzt auch Probleme hat.« Beim vergleichbaren Fall mit Air Berlin habe die Regierung auch einen Überbrückungskredit gewährt. Aber: »Die Branche muss jetzt extrem aufpassen, dass aus der Thomas-Cook-Insolvenz nicht ein Domino-Effekt entsteht.«

Zum Glück selbst überhaupt nicht betroffen sind Horst Winter, Inhaber des Chiemgauer Reisebüros in Grassau, und seine Kunden. Allerdings hat er zu dem Ganzen eine deutliche Meinung: »Wir arbeiten aus gutem Grund nicht mit Thomas Cook zusammen.« Gerade hier habe es zum Teil enorme Auswüchse gegeben, »wenn etwa ein Manager mit einem Jahressalär von einigen Millionen Pfund das Unternehmen in die Pleite steuert – ein klassischer Fall von 'Nieten in Nadelstreifen', wenn man dem glauben darf, was jetzt in den Medien bekannt wird.«

»Alle noch die Air-Berlin-Pleite vor Augen«

Jetzt müsse man abwarten, ob das Geld aus dem Überbrückungskredit für die Fluggesellschaft Condor da ankomme, wo es hin solle, »aber das wird so oder so hinten und vorn nicht reichen«, so Winter. »Wir haben alle noch die Air-Berlin-Pleite vor Augen. Da muss Condor jetzt mit viel Zurückhaltung rechnen, bei Reisebüros genauso wie beim Endverbraucher.«

Bei Pauschalreisen greife ja der Reisesicherungsschein, »aber hat der Urlauber nur den Flug gebucht, schaut er mit dem Ofenrohr ins Gebirge.« Da müsse die Bundesregierung die Gesetzeslücke schnellstens schließen, so Winter.

Er selbst sei eigentlich froh, wenn sich der verzerrte Wettbewerb nun bereinige, denn »der Verbraucher leidet da zum Teil auch unter einem gewissen Realitätsverlust, wenn er glaubt, es kann auf Dauer gut gehen, für einen Flug nur 50 bis 80 Euro zu zahlen – weniger als der Sprit für die jeweilige Strecke kosten würde.« Man müsse sich von Billigflügen verabschieden, auch aus ökologischen Gründen. »Das Reiseprodukt ist überhaupt zur Ramschware verkommen, da ist ein Umdenken überfällig.« coho