weather-image
13°

Angst und Wut im »Haus am Park«

3.8
3.8
Bildtext einblenden
Das neue Domizil der »Haus am Park«-Bewohner: Haus »Dachlmoos«. (Foto: Fischer)

Bischofswiesen – Die Stimmung schwankt zwischen Angst und Wut: 42 Bewohner des Seniorenzentrums »Insula« müssen umziehen. Und zwar vom »Haus am Park« ins Haus »Dachlmoos«. Wie die Geschäftsführung auf Nachfrage mitteilte, sei das »Haus am Park« aus sicherheitstechnischen, personellen und betriebswirtschaftlichen Gründen nicht mehr haltbar. Und während die Verantwortlichen des Diakoniewerks Hohenbrunn um Verständnis werben und Fehler zugeben, bleibt eine 92-jährige Bewohnerin stur.


Telefonanruf in der Redaktion. Eine Bewohnerin der »Insula« ist am Apparat. Die knapp 90-Jährige möchte ihren Namen nicht nennen. Aus Angst vor Repressalien, wie sie sagt. »Das ist eine Unverschämtheit«, ärgert sie sich. »Bitte, der ›Anzeiger‹ muss uns alten Menschen helfen«, fleht sie. Ende Januar habe sie bei einem Kaffeekränzchen mit anderen Bewohnern und der Heimleitung »so nebenbei« erfahren, dass sie schon Ende März aus ihrem schönen Einzelzimmer mit Balkon raus muss. »Ich bin ja noch rüstig. Aber was macht der Herr Meyer (Name geändert)? Der ist schon nicht mehr ganz richtig im Kopf«, fragt sich die Anruferin.

Anzeige

Am nächsten Tag erreicht die Redaktion ein Brief. Ebenfalls anonym. Er beginnt mit den Worten: »Was ist los in der Insula?« Dann ist die Rede von »Zwangsumzügen«, von Angst und Verzweiflung. »Niemand traut sich, an die Öffentlichkeit zu gehen.«

Im gleichen Stil geht es die nächsten beiden Tage weiter. Nicht nur verzweifelte Bewohner melden sich, sondern auch besorgte Angehörige und Betreuer. Ein hiesiger Unternehmer, dessen Oma schon seit Jahren im »Haus am Park« wohnt, ist sauer. Den Medizinischen Dienst hat er inzwischen über das Vorhaben der »Insula« informiert, wie er sagt. Er ärgert sich nicht nur über den Umzug selbst, sondern auch über die schlechte Informationspolitik. »Die meisten Bewohner sind über 90 Jahre alt. Die haben in der Infoveranstaltung weder akustisch noch inhaltlich was verstanden«, so der Unternehmer. Er habe Verständnis für die wirtschaftlichen Beweggründe der »Insula«. Dennoch möchte er, »dass meine Oma für das Geld top untergebracht ist«.

Zimmer sind »minimalst ausgestattet«

Ähnlich sieht es auch eine Schönauerin, die ebenfalls nicht namentlich genannt werden will. Besonders schlimm findet es die Frau, deren Schwiegermutter in der »Insula« wohnt, dass die Zimmer im Haus »Dachlmoos« minimalst ausgestattet und teuer seien. Noch dazu müssten die die sanitären Anlagen gemeinschaftlich genutzt werden.

Auch Elisabeth Homberg ist bestürzt über die Vorgänge in der »Insula«. Die Seniorenreferentin der Marktgemeinde Berchtesgaden betreut eine 92-jährige Bewohnerin. »Sie hat ein wundervolles Zimmer mit einem Schrank und einem schönen Sessel«, sagt Homberg. »Da geht sie doch nicht in ein kleines Zimmer mit Gemeinschaftsbad. Noch dazu darf sie nicht mal ihre eigenen Möbel mitnehmen.« Die Seniorenreferentin will nicht nachgeben. Die betreute 92-Jährige auch nicht. »Wir sitzen das aus«, sagt Homberg.

Die Berchtesgadenerin kennt sich mit dem Thema Pflege bestens aus. Sie hat bis zur Rente eine Diakoniestation geleitet. »Der Fachkräftemangel ist seit Jahren bekannt«, weiß sie. »Dem kann man aber entgegenwirken. Zum Beispiel, indem man sich Personalnachwuchs heranzieht. Leiharbeitskräfte bringen nichts.«

Für Heike Winkler, die Geschäftsleiterin des Diakoniewerks Hohenbrunn, ist der Umzug beschlossene Sache. »Das ›Haus am Park‹ stammt aus den 70er Jahren«, sagt sie. Das Gebäude erfülle mehrere Standards nicht mehr. Zum Beispiel beim Brandschutz und bei der Barrierefreiheit. Zudem mache sich der Grundsatz in der Pflege »ambulant vor stationär« immer mehr bemerkbar. Die Belegungszahlen im »Haus am Park« würden demnach sinken.

Dennoch müsse man eine bestimmte Zahl an Pflegekräften einsetzen. Dafür gebe es Vorschriften. »Laut gesetzlicher Vorgaben muss das Pflegepersonal zu mindestens 50 Prozent aus Fachkräften bestehen«, erklärt Heike Winkler. Lauter Faktoren, die dazu führen, dass das »Haus am Park« laut Geschäftsleiterin »auf Dauer nicht betriebswirtschaftlich haltbar« sei.

Deshalb habe man im November den sukzessiven Umzug beschlossen. »Der Heimleiter hat jedoch entschieden, die Bewohner erst nach Weihnachten zu informieren, um den Feiertagsfrieden nicht zu gefährden«, so Winkler. Eine Entscheidung, die sie nachvollziehen könne. Die Informationspolitik sei dennoch schlecht gewesen. Inzwischen hat es zig Gespräche, auch mit den Seniorenreferenten der fünf Talkesselgemeinden, gegeben.

»Ich verstehe die Angst der Bewohner«

»Ich verstehe die Angst der Bewohner und Angehörigen«, sagt Heike Winkler. Die Befürchtung, dass die Unterbringung im Haus »Dachlmoos« schlechter als im »Haus im Park« sei, kann die Geschäftsleiterin allerdings nicht ganz nachvollziehen. Das Haus sei im Jahr 2004 in Betrieb genommen worden, die Zimmer »nicht kleiner« als im »Dachlmoos«. Neben Einzelzimmern gebe es allerdings auch sogenannte Schmetterlingszimmer. Also Einzelzimmer, bei denen sich jeweils zwei Bewohner einen mittig gelegenen Sanitärbereich teilen.

»Wir bemühen uns, die neuen Bewohner in Einzelzimmern unterzubringen«, verspricht Winkler. Oder zumindest die Intimsphäre in den Schmetterlingszimmern »durch bauliche Maßnahmen« zu optimieren.

»Ich kann den Umzug nicht schönreden. Aber wir tun alles, um Ängste abzubauen. Ich bin zuversichtlich, dass wir Lösungen finden werden. Schließlich sind wir dazu verpflichtet, die Bewohner adäquat zu versorgen«, verspricht Heike Winkler. Wegen verschiedener Verzögerungen sei Ende März als Umzugstermin nicht mehr haltbar. »Das wird sich aber nicht noch Jahre hinziehen«, ist sich Winkler sicher. Christian Fischer