weather-image
28°

Andalusien im Kinderzimmer

3.0
3.0
Surberg: Tanzen als VHS-Kurs: Andalusien im Kinderzimmer – Flamenco via Videokonferenz
Bildtext einblenden
Zusammen mit Tochter Maria tanzt Carmen Lopez mit ihren Flamenco-Schülerinnen per Videokonferenz vor dem Bildschirm. (Foto: Bauer)

Surberg – »Kinder, wir machen heute eine Reise nach Andalusien an den Strand.« Und schon schallen spanische Klänge aus dem Kinderzimmer. »A bailar« (übersetzt »lasst uns tanzen«) – was für ein passendes Lied: Acht kleine Mädchen stehen mit langen, wallenden Röcken barfuß in ihren Kinderzimmern vor dem Bildschirm, lachen, drehen sich, kringeln die Arme nach oben und schwingen ihre Röcke. Aus den Bildschirmen strahlt ihnen Carmen Lopez entgegen.


Die Spanierin begleitet die Mädchen auf ihrer Reise, schwingt temperamentvoll den Rock, wenn das Meer stürmisch ist, formt mit ihren Armen ästhetisch ein »S« in die Luft, wenn die Sonne scheint. Die Mädchen tanzen mit, schauen sich Schritte und Bewegungen ab. Aber nur für kurze Zeit. Bald schon bewegt sich jede zur Musik, spürt den Rhythmus und die Lebensfreude dieser spanischen Lieder.

Anzeige

Genau darum geht es: Alegria, übersetzt die Lebensfreude. Sie ist Inspiration und Antrieb zugleich für die 38-Jährige. Geboren und aufgewachsen in der Provinz Cadiz in Andalusien tanzt Carmen Lopez, seit sie klein ist. Es zu unterrichten war nie ihr Plan, sondern Schicksal: Als sie vor 13 Jahren nach Traunstein kam, wollte sie Spanischkurse geben. Lehrer dafür gab es aber genug. »Wie wäre es mit Flamenco-Unterricht?«, wurde sie stattdessen gefragt.

Also begann sie mit VHS-Kursen. Zunächst war es ein Hobby, »obwohl ich immer das Gefühl hatte, ich könnte viel mehr daraus machen. Es gibt mir so viel. Und ich habe gespürt, ich könnte so viel geben«. Allein der Mut hat gefehlt. Erst Jahre später – sie lebt inzwischen mit ihrer Familie in Surberg – hat sie sich getraut. Sie erkrankte schwer an Krebs. »In dieser Zeit war tanzen für mich so heilsam. Tanz und Meditation.«

Ihr wurde klar, sie hat keine Zeit, um zu warten. Sie begann mit Flamenco-Schnupperstunden, fragte im Nuts an, ob Interesse bestünde an einem spanischen Abend, obwohl sie noch keine Musiker an der Hand hatte. »Es hat sich so unglaublich viel entwickelt«, staunt die dreifache Mutter über sich selbst. Inzwischen ist sie in der Region bekannt, wird als Flamenco-Tänzerin gut gebucht und veranstaltet mit Freunden beliebte Kulturabende. Immer mehr Projekte folgen.

»Mein Ziel ist, Lebensfreude zu vermitteln«, so die 38-Jährige. Und das sei gerade jetzt wichtig: Auch in schwierigen Situationen darf man Freude haben, darf man lachen. »Man muss es sich selber erlauben!« so ihre Devise.

Die Videokonferenz mit ihren Schülern war Neuland für die Spanierin. Und zugegeben: Es entstand nicht so viel Energie, wie wenn alle zusammen in einem Raum tanzen. »Aber was ich gesehen habe, hat mich berührt.« Es habe sie verbunden mit ihrer Heimat, die sie derzeit besonders vermisst. In den Osterferien wollte sie mit ihrer Familie nach Andalusien fliegen. Diese Freiheit können wir im Moment alle nicht leben. Um so wichtiger sei es, »Freiheit im Herzen zu bekommen«, so Carmen. Also tanzt. »Tanzt euer Leben! Ole.« ka