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Analyse: Wenn Piloten am Boden bleiben

Frankfurt/München (dpa) - Nein, das Demonstrieren liege ihm nicht so. «Lieber würde ich heute im Airbus sitzen und nach San Francisco fliegen, statt hier dumm mit einem Schild zu stehen», sagt Benjamin Sindram.

Gähnende Leere
Gähnende Leere im Flughafen von Frankfurt am Main. Foto: Boris Roessler Foto: dpa

Doch der Lufthansa-Copilot, ist an diesem Mittwoch nach Frankfurt gekommen, um für seine Rechte im Alter zu kämpfen. Es ist der erste Streiktag im Arbeitskampf der Vereinigung Cockpit. Während mehrere hundert Piloten vor der Lufthansa-Basis am Frankfurter Flughafens demonstrieren, herrscht in den Terminals von Hamburg bis München gähnende Leere.

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Sindram ist 36 Jahre alt, seit 13 Jahren arbeitet der Niederländer für die Lufthansa. Bis zum Kapitän hat er noch ein paar Jahre. «Ich sehe, dass viele ältere Kollegen sehr fit sind», sagt er. Andere würden lieber vorzeitig in den Ruhestand gehen. Man könne das Älterwerden lange Zeit mit Erfahrung ausgleichen. «Aber ich möchte später einmal selbst entscheiden können, ob ich mich noch fit genug fühle, meine Passagiere zu fliegen», sagt er, «aber die Lufthansa will mir das wegnehmen.»

Anlass des bis Freitag geplanten Ausstands sind die von Lufthansa einseitig gekündigten Übergangsrenten, die den Piloten bislang ein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Beruf ermöglichten. Offen ist zudem der Tarifvertrag zu den Gehältern, bei dem die VC ein Plus von knapp 10 Prozent verlangt.

Vor dem Frankfurter Flughafen stehen die Taxifahrer in langen Reihen und warten vergeblich auf die gewohnten Fahrgäste. «Wir haben massive Einbrüche», sagt einer. «Ich bin sauer bis zum Anschlag.» Taxifahrer bekämen nicht einmal Mindestlohn, deshalb habe er kein Verständnis für die Forderungen der Piloten, sagt der 63-Jährige.

«Wir haben deutlich weniger Kunden», sagt die Verkäuferin einer Bäckerei im Lufthansa-Terminal am Münchner Flughafen. «Heute haben wir extra eine Stunde später geöffnet und nur die Hälfte von dem gebacken, was wir sonst produzieren», erklärt sie. «Morgen und übermorgen noch - dann haben wir es zum Glück geschafft.»

Ein 39-jähriger Unternehmensberater blickt genervt zu den Monitoren. Auf den Bildschirmen am Hamburger Flughafen wechselt fast im Sekundentakt die rote Schrift: cancelled, gestrichen, cancelled. «Mal ist es die Flugabfertigung, mal sind es die Piloten. Nach meinem subjektiven Gefühl bricht hier dreimal im Jahr der Flughafen zusammen», sagt der Hamburger. «Jede Gewerkschaft kocht ihr eigenes Süppchen. Und ob die Lufthansa-Piloten mehr verdienen müssen, ist wieder eine andere Frage.»

Stephan Reimann stellt sich indes auf die Seite der Streikenden: «Jeder versucht, das Beste für sich rauszuholen. Ich will ja auch mein Geld verdienen und verhandle mit meinem Chef», sagt der 45-Jährige, der nach Luxemburg reist. Ein Jahresgehalt in sechsstelliger Höhe hält er für angebracht. Piloten seien schließlich jeden Tag unterwegs - was vor allem für Familien schwierig in Einklang zu bringen sei.