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Analyse: USA wirft Muslimbrüdern Doppelzüngigkeit vor

Kairo (dpa) - «Er hält den Stab in der Mitte fest», sagt man auf ägyptisch über einen Opportunisten, der nicht eindeutig Stellung beziehen will. Für die US-Regierung beschreibt dieses Bild auch die Haltung der ägyptischen Führung.

Muslimbrüder
Essam al-Arian, Vorsitzender der von den Muslimbrüdern gegründeten Partei für Freiheit und Gerechtigkeit. Im Hintergrund der derzeitige ägyptische Präsident Mohammed Mursi. Foto: Archiv Foto: dpa

Zwar haben sich die Muslimbrüder gegen die Krawalle vor der US-Botschaft in Kairo gewandt und den Tod der US-Diplomaten in Bengasi bedauert. Gleichzeitig wirken sie jedoch aus Sicht der Amerikaner nicht wirklich an einer Beilegung der Krise mit, wenn sie jeden Tag erneut Erklärungen zu dem in den USA produzierten Schmähfilm über den Propheten Mohammed abgeben.

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Erst blieb Präsident Mohammed Mursi zwei Tage lang völlig stumm, obwohl gewalttätige Demonstranten in Kairo die US-Botschaft attackiert hatten. Dann rief ihn US-Präsident Barack Obama verärgert an. Er soll sich, so berichtet die «New York Times», über mangelnde Anteilnahme und Kooperation beklagt haben. Schließlich fand der ägyptische Islamist, der zur Zeit auf Europareise ist, doch noch ein paar Worte des Bedauerns. Er verurteilte die tödliche Attacke auf das US-Konsulat im libyschen Bengasi und versprach, die US-Botschaft in Kairo zu schützen.

Das hielt die Muslimbrüder aber nicht davon ab, ihre Anhänger zu Protesten gegen den dümmlichen Film aufzurufen. Der Vorsitzende der von den Muslimbrüdern gegründeten Partei für Freiheit und Gerechtigkeit, Essam al-Arian, benutzte die Krise zudem, um eine alte Forderung der arabischen Islamisten wieder aufleben zu lassen. Die Vereinten Nationen sollten ein international geltendes Gesetz beschließen, dass die Schmähung der Religion verbietet. «Es gibt schließlich ein Gesetz, dass die Leugnung des Holocaust verbietet, und die islamische Religion ist nicht weniger wert», zitiert ihn die ägyptische Tageszeitung «Al-Shorouk».

Dass die um IWF-Kredite und ausländische Investoren werbende ägyptische Führung zu Amerikanern und Europäern anders spricht als zu den Ägyptern, kommt auch bei den US-Diplomaten in Kairo nicht gut an. Deren Arbeitsplatz wird seit Mitte der Woche von Steine werfenden Randalierern belagert. Als die Muslimbrüder über ihren englischen Twitter-Account eine mitfühlende Botschaft an die Diplomaten absetzten, während sie sich in ihren Äußerungen auf Arabisch weiterhin vor allem über den obskuren Film aufregten, gaben die Amerikaner schnippisch zurück: «Danke. Übrigens, habt ihr eure eigenen Kurznachrichten auf Arabisch schon mal überprüft? Ich hoffe, ihr wisst, dass wir die auch lesen.»

Al-Arian in Al-Shorouk, arabisch