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Analyse: Der Einflüsterer des alten Kim tritt ab

Seoul (dpa) - Nordkoreas junger Staatschef hat einen wichtigen Hardliner und Vertrauten seines Vaters aus dem Weg geräumt. Davon sind Experten überzeugt. Rückt Kim Jong Un vom alten Kurs ab? Seine jüngsten Auftritte geben Anlass zu Spekulationen.

Nordkorea
Anti-US-Propaganda in Nordkorea. Foto: KCNA/Archiv Foto: dpa

Die Staatsmedien begnügten sich mit einer knappen Mitteilung über die Entlassung des mächtigsten Offiziers aus allen politischen und wahrscheinlich auch militärischen Ämtern. Armeechef Ri Yong Ho sei krank, hieß es. In Südkorea will man dieser Begründung nicht recht Glauben schenken.

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Ri trat in den vergangenen Monaten regelmäßig an der Seite des jungen Machthabers Kim Jong Un in der Rolle des Beraters und Mentors auf. Hat der fast 70-jährige Ri das Vertrauen des knapp 30-jährigen Kim verspielt? Ist er ihm in einem inneren Machtkampf zu gefährlich geworden? «Kim kann Ri schlicht nicht leiden», meint ein Experte in Seoul.

Das Vorgehen Nordkoreas lässt wie oft bei Personalentscheidungen und politischen Ankündigungen mehr Fragen offen als sie zu beantworten. Das fördert die Spekulationen im Ausland. Als zu undurchsichtig gelten die Verhältnisse des Machtzirkels in Pjöngjang, wo nicht selten hochrangige Funktionäre plötzlich von der Bildfläche verschwinden, wiederauftauchen oder bei Autounfällen ums Leben kommen.

Choi Jin Wook vom Institut für Nationale Vereinigung in Seoul hält denn auch die angebliche Krankheit Ris eher für einen Vorwand. Der Grund für die Entscheidung über das Schicksal Ris sei politisch, glaubt Choi. «Möglicherweise ist er Opfer einer Säuberung.» Ein innerer Machtkampf sei nicht auszuschließen.

Beobachter wie Choi glauben, dass der Einfluss von Ri, einem Offizier im Range eine Vize-Marschalls, und anderer Funktionäre zuletzt zurückgegangen ist. Andere Figuren stünden dagegen neu in der Gunst Kim Jong Uns. Als Beispiel nannte etwa die in Seoul von nordkoreanischen Flüchtlingen herausgegebene Online-Zeitung «NK Daily» unter anderen Choi Ryong Hae, der als Nicht-Militär an der Spitze des politischen Abteilung der Streitkräfte steht.

Ri Yong Ho galt dagegen vor allem als Person des Vertrauens des Vaters und Vorgängers Kim Jong Uns, Kim Jong Il, bis zu dessen Tod im Dezember 2011. Kim Senior hatte Ri bewusst mehrere einflussreiche Posten der herrschenden Arbeiterpartei verliehen, um seinem Sohn einen störungsfreien Weg zur Macht zu ebnen. Ri sollte nach dem Willen Kims insbesondere die Stellung seines Sohns im mächtigen Militär stärken, das als Rückgrat des Regimes zählt.

Experten glauben, dass sich Kim Jong Un langsam vom Vorbild seines Vater freischwimmen und seinen eigenen Führungsstil durchsetzen will. Dazu gehöre auch, dass er sich zuletzt offen in Begleitung einer Frau zeige. Von ihr glauben südkoreanische Medien, dass sie seine Ehefrau sein könne. Zu Kim Jong Ils Zeiten war es fast undenkbar, dass der Diktator sich so offen an der Seite seiner Partnerin zeigt.

Auch beklatschte Kim Jong Un eine Aufführung mit Tänzern in Kostümen von Disney-Figuren. War das ein Zeichen, dass Kultur des Erzfeindes USA nicht mehr verteufelt werden sollte?, fragten sich Beobachter. Für eine politische Öffnung gibt es bisher keine Anzeichen. Doch hält man es in Seoul für wahrscheinlich, dass hinter den Kulissen um die künftige Richtung gerungen wird, und dabei vor allem um eine größere wirtschaftliche Öffnung. Ri selbst galt nach Einschätzung mancher Beobachter als Hardliner. Zum offiziellen Gründungstag der Volksarmee im April bekräftigte Ri noch die Drohung mit einem «Heiligen Krieg» gegen die südkoreanische Regierung.