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Am neunten Tag schwinden langsam die Kräfte

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Eis, Schnee, Baumstämme: Alles, was oberhalb der Ettenberger Straße in Marktschellenberg nicht sicher ist, müssen Spezialisten aus Kufstein derzeit entfernen. Am späten Sonntagnachmittag könnte die Straße vielleicht wieder freigegeben werden. (Fotos: privat)
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Postbote Hans Votz (r.) erhielt am Donnerstag Geleitschutz von der Freiwilligen Feuerwehr Marktschellenberg. Abschnittsleiter Volkhard Geiger fuhr den Ramsauer mit dem Einsatzwagen nach Ettenberg. Die Almberger erhielten dadurch erstmals seit einer Woche wieder ihre Post.

Berchtesgadener Land – An Tag neun des Katastrophenfalls im südlichen Landkreis Berchtesgadener Land ging gestern das Abschaufeln der Dächer weiter. Zwar entspannte sich die Situation weiter, doch der Katastrophenfall blieb weiterhin bestehen. Die Einsatzkräfte sind mittlerweile an ihrer Leistungsgrenze angekommen.


Wie groß die Belastung sämtlicher Einsatzkräfte ist, die teilweise schon vor Ausrufung des Katastrophenfalls am 10. Januar gefordert waren, beweist ein Facebook-Eintrag der Freiwilligen Feuerwehr Berchtesgaden. Die postete am späten Donnerstagabend: »Nach 12 Tagen Wintereinsatz und Tausenden geleisteten Einsatzstunden im Einsatz für Berchtesgaden ist mittlerweile die Leistungsgrenze unserer motivierten und engagierten Mitglieder erreicht beziehungsweise teilweise überschritten. Heute konnten wir daher nur eine kleine Mannschaft stellen und waren umso mehr auf starke Unterstützung angewiesen. Vielen Dank dafür! Die offenen Einsätze gehen weiter zurück, dennoch kamen heute noch einige dringende Prio1-Objekte hinzu, die dringend abgeschaufelt werden mussten beziehungsweise noch müssen. Morgen geht's noch mal weiter.«

Knapp 1 000 Einsatzkräfte von den Feuerwehren, dem Technischen Hilfswerk, der Bundeswehr, der Bundespolizei, der Bayerischen Polizei, dem BRK, dem Malteser Hilfsdienst und der Wasserwacht mussten gestern noch 70 Dachanlagen, darunter drei sehr große Gebäude in der Marktgemeinde Berchtesgaden (Ortsteil Buchenhöhe) und der Gemeinde Bischofswiesen, von ihrer Schneelast befreien. Seit Einsatzbeginn wurden bis gestern bereits knapp 1 500 Dächer geräumt.

Gesperrt waren gestern noch folgende Bundes-, Staats- und Kreisstraßen im Berchtesgadener Land: Bundesstraße 305 in beiden Richtungen zwischen den Abzweigungen Staatsstraße 2101 und Bundesstraße 21 (sogenannter Weinkaser); Kreisstraße BGL 19 in beiden Richtungen nach der Abzweigung CJD-Dürreck und Parkplatz Vorderbrand. Alle aktuell noch gültigen Sperrungen von Gemeinde- beziehungsweise Forststraßen, Rad-, Wander- und Gehwegen können den jeweiligen Meldungen auf den Gemeinde-Websites ent-nommen werden.

Bereits seit dem 10. Januar ist die Ettenberger Straße in Marktschellenberg offiziell gesperrt, die Almberger sind also eigentlich von der Außenwelt abgeschnitten. Zwar weiß man, dass die Straße immer wieder von den Almbergern befahren wird, empfehlenswert ist das aber nicht. »Vor allem im Bereich der Roßbodenwand herrscht Schneebruch- und Lawinengefahr«, weiß der Marktschellenberger Geschäftsleiter Michael Ernst. Damit die Straße bald wieder freigegeben werden kann, rückte gestern ein dreiköpfiger Arbeitstrupp einer Kufsteiner Firma an. Die Facharbeiter untersuchen den an die Straße angrenzenden Wald auf Stammanbrüche, beseitigen Bruchholz und führen bei Bedarf sogar Lawinensprengungen durch. Mit Schaufeln und Motorsägen ausgerüstet, seilten sich die Kufsteiner über das Steilgelände ab. Michael Ernst geht davon aus, dass die Arbeiten bis zum Sonntagnachmittag beendet sein könnten. Dann wäre die Ettenberger Straße wohl wieder sicher befahrbar.

Zuvor hatten die Almberger genau eine Woche lang auf ihre Post verzichten müssen, denn der Postbote befuhr die gefährliche Straße freilich nicht mehr. Am Mittwoch aber gab die Freiwillige Feuerwehr Marktschellenberg dem Postboten sozusagen Geleitschutz. Hansi Votz aus der Ramsau ließ sich von Abschnittsleiter Volkhard Geiger hinauf in den abgeschnittenen Marktschellenberger Ortsteil befördern. Alles ging gut und die Almberger freuten sich über Briefe und Pakete.

In den Hochlagen der Berchtesgadener Alpen herrschte gestern immer noch Lawinenwarnstufe 3, also erhebliche Lawinengefahr. Der Ramsauer Bergwachtmann Rudi Fendt, Mitglied der örtlichen Lawinenkommission, konnte sich dieser Tage bei einem Hubschrauberflug ein Bild von der Lage machen. Er hat dabei festgestellt, dass mehrere Großlawinen bereits abgegangen sind, unter anderen die sogenannte Schlosslawine beim Wimbachschloss und die Hochkalterlawine am Blaueis mit einem zweieinhalb Meter hohen Anriss. Zu Personen- oder Gebäudeschäden kam es nicht.

Wie lange der Katastrophenfall für das südliche Berchtesgadener Land noch gelten wird, war gestern nicht bekannt. BRK-Pressesprecher Markus Leitner: »Wir planen mit der Verpflegung der Einsatzkräfte einmal bis einschließlich Sonntag.« Ulli Kastner