weather-image

Als »Baiern« zu Bayern wurde

4.0
4.0
Bildtext einblenden
Michael Lerchenberg und Martin Holzapfel gestalteten im k1-Studio eine »theatralische Geschichtsstunde« über die Bayerische Revolution. (Foto: Benekam)

Schauspieler und Regisseur Michael Lerchenberg ist einer der ganz großen seiner Zunft. Einer, der nicht nur in unterschiedlichsten Rollen im Fernsehen über Jahrzehnte große Erfolge zu verbuchen hat, sondern auch einer, der live vor Publikum in szenischen Lesungen von Thoma bis Valentin mit seiner markanten sprachlichen Ausgestaltung begeistert.


Publikumsnähe scheint er direkt zu genießen. Im Traunreuter k1 ist er kein Unbekannter und – wie sich im gut besuchten Studio-Theater zeigte – ein gern gesehener Gast. Gast sein verbindet man gerne mit »Sich-Wohl-Fühlen«, mit »gemeinsam verbrachter Zeit in guter Gesellschaft« und im Idealfall erlebt man in diesem Zusammensein Momente, an die man gerne zurückdenkt. Das mag im k1-Studio der Fall gewesen sein: Einer, der mit viel Freude etwas liest, vorträgt, nachstellt und gestaltet in Begleitung eines Musikers, der auflockernd und belustigend den Abend abrundet: Martin Holzapfel musste, da die restlichen Mitglieder der »Revolutionskapelle« erkrankt waren, allein mit seinem Akkordeon den musikalischen Teil bestreiten.

Anzeige

Auf der »anderen Seite« saßen viele, die sich selbst als Gast fühlen durften, die zuhören, lachen oder staunen konnten. Weniger erbaulich allerdings war das Thema, zu dem Lerchenberg ein abendfüllendes Programm erstellt hat, und mit dem er zurzeit durchs Land tourt: Die Bayerische Revolution 1918/19. Sie war ihm anlässlich ihres 100-jährigen Jubiläums eine »Mörderrecherche« wert, deren Ergebnis dem Traunreuter Publikum als umfangreiche, kurzweilige und spannende wie auch lehrreiche Geschichtsstunde nahegebracht wurde.

Derart kunstvoll ausgeschmückt, als theatralische Lesung serviert, bleiben ihre Inhalte vermutlich bestens im Gedächtnis haften – historischer Lehrstoff, den man Lehrern und Schülern wärmstens empfehlen kann. Lerchenberg zeichnete in spannender Lesung und fesselnder Erzählweise die Ereignisse, die sich zwischen November 1918 und April 1919 zugetragen hatten, nach: Der Sturz der Monarchie nach dem Kriegsende, die Gründung des Freistaats Bayern durch Kurt Eisner, dessen Ermordung und die daraufhin ausbrechende kommunistische Revolution mit der Gründung der bairischen Räterepublik, bis hin zu deren Niederschlagung durch reaktionäre Freikorps.

So lässt Lerchenberg Stimmen von Augenzeugen und Beteiligten von unterschiedlicher politischer Orientierung laut werden, mit deren »Texten« an die vielleicht aufregendsten und grausamsten Tage der bayerischen Geschichte erinnert wird. Täter, Opfer oder Beobachter – einfache Menschen, die genug vom Krieg hatten und sich eine Änderung des alten Systems wünschten. Denn es war nicht nur eine Münchner Räterepublik, deren Hauptdarsteller von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit träumten.

Kurt Eisner, Ernst Toller, Thomas Mann, Oscar Maria Graf, Victor Klemperer, Felix Fechenbach oder Erich Wollenberg, der Stabsadjudant der »Bairischen Roten Armee« in der »Schlacht von Dachau«: Sie alle kamen 100 Jahre später ebenso zu Wort wie die Anderen, die Vergessenen und Unbekannten, die vielleicht aus anderer Perspektive, ein anders gefärbtes Bild aus dieser wilden Zeit hinterließen. Nicht nur Fakten, sondern auch Ursachen und Hintergründe breitete Lerchenberg in seinem dicht inszenierten Historien-Drama um diese aufwühlende Zeit, in der aus »Baiern« Bayern wurde, wie ein Memory-Spiel auf der Theaterbühne aus.

Den Protagonisten verpasste er, im fliegenden Wechsel zu den jeweiligen Texten, die passenden Dialekte und Stimmfärbungen. Eine wirklich grausame Geschichte um Gewalt, Verrat, Not – ein Morden und Putschen, das einem noch 100 Jahre später das Blut in den Adern gefrieren lässt. Gerade weil es wichtig ist, diese Zeiten nicht zu vergessen, und weil man dazu die Arbeit sensibler Künstler wie Michael Lerchenberg braucht, bedankte sich das aufmerksame k1-Publikum für eine theatralische Geschichtsstunde, die man nicht so leicht vergisst. Der heldenhafte Solo-Einsatz von Martin Holzapfel, der die ganze »Revolutionskapelle« ersetzte, wurde mit einem Extraapplaus bedacht. Kirsten Benekam

Italian Trulli