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»Alles in Luther« mit Bildungsauftrag

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Matthias Roth begleitete Martin Luther (Karl-Heinz Röhlin) am Klavier und steuerte die passende Musik zur Reformationsgeschichte bei. (Foto: Janoschka)

»Alles in Luther« hieß es im Feuerhaus Bad Reichenhall, als Matthias Roth am Klavier und der ehemalige Regionalbischof Karl-Heinz Röhlin als Kabarettist Martin Luther in das heutige Umfeld versetzten. Omnipräsent auf der Bühne waren sein Abbild, geschaffen von Hubert Graßl, sowie die wichtigsten Jahreszahlen von 1517 bis 1525, die in großen Ziffern an einer Schnur hingen. T-Shirts mit »I love (in Herzform) Luther«, Luther-Socken mit der Aufschrift »Hier stehe ich, ich kann nicht anders« und eine Luther-Tasse waren die typischen Accessoires einer modernen Werbekampagne für diese historische Figur, deren Thesen vor 500 Jahren für Aufruhr gesorgt hatten.


Röhlin stellte sich zusammen mit »Dr. Matthias Roth« als die Gruppe »Reformation Power« vor, die den Bildungsauftrag habe, Luther zu vermarkten. Mit viel Lokalkolorit erzählte Röhlin eine Geschichte rund um bekannte Zitate, die er manchmal nur andeutete, erfand ein paar Anekdoten dazu, beschrieb die handelnden Personen ganz lebensecht – und frischte das Wissen der interessierten Zuhörer über die geschichtlichen Abläufe der Reformationszeit auf.

»Kardinal Rudolfi Caruso« zitiert Martin Luther

Mal dialogisierte Röhlin mit seinem Ebenbild, mal sang er gregorianisch oder rappte. Als »Kardinal Rudolfi Caruso« zitierte er singend Martin Luther im Original, als päpstlicher Nuntius kam der ehemalige Regionalbischof in roter Robe auf die Bühne. »Oh when the saints« war dazu die passende Auftrittsmusik, mit der Matthias Roth jazzig den roten Teppich für den hohen Besuch ausrollte. Dieser sprach sogar italienisch – wie sein reales Vorbild. Die teilweise vermeintlich italienischen Ausdrücke übersetzte Roth auch gleich ins Deutsche – manchmal mit augenzwinkernder Bedeutung.

Zur Einstimmung erklang der Luther-Choral »Ein feste Burg ist unser Gott«, den Matthias Roth – wie auch alle anderen Musikstücke – auf hervorragende Weise zum Besten gab. Später wurde der Choral mit sozialkritischem Inhalt wiederholt: »Ein feste Burg ist unser Gott, der Wohlstand macht besoffen. Die Wirtschaft boomt auch ohne Gott, die Börse ruft zum Zocken. Keiner stoppt den Wahn, wer zahlt, der schafft an. Groß Macht und viel List hat heut' der Lobbyist. Am End' sind Viel sein's Gleichen.« Andere musikalische Werke wurden ebenfalls umgedichtet, wie das Renaissance-Madrigal »An hellen Tagen«, das zu einem Credo der Protestanten wurde. Auch das BGL-Kürzel erhielt eine neue Bedeutung - es wurde zum »Bund der grauen Lutheraner«.

Mit dem »Einzug der Königin von Saba« von Georg Friedrich Händel wurde die Reformations-Botschafterin Margot Käßmann »inthronisiert«. Diese traf sich später mit Putin, an dessen Stelle Matthias Roth virtuos das Klavierkonzert von Peter Iljitsch Tschaikowsky spielte.

Wer am Schluss ein Quiz bestehe, dürfe dann sämtliche Gottesdienste besuchen und erhalte ein Luther-Certificate, versprach der vielseitige Luther-Darsteller auf der Bühne. Wer zudem morgens eine halbe Tablette »Lutherol« von Ratiopharm mit einer Tasse Reformationstee trinke, könne sicher sein, am Abend den kleinen Katechismus auswendig zu können. Dazu passte musikalisch »Obladi oblada«.

Durch das Merchandising kenne der Luther-Hype keine Grenzen, und so sei eine Luther-Locke bei Sotheby’s in London um 75 000 Pfund unter den Hammer gekommen. Die Schatulle mit Luthers Zehennägeln, die seine Katharina aufbewahrt habe, konnte er allerdings auf der Bühne noch vorzeigen.

Banken-Chef Josef Ackermann sei aus der reformierten Kirche ausgetreten: »Wenn Luther so gegen den Wucher ist, ist das nicht mehr meine Kirche« soll er geschrieben haben.

Trainingslager für den Hammerschlag

Der erstaunte Zuhörer erfuhr auch von einer Frühsendung auf Radio Vatikan, die mit meditativer Musik beginnt, die wiederum Matthias Roth in die Ohren der Zuhörer säuselte. Mit »Morning has broken« und einer genialen Improvisation am Klavier endete diese Sendung. Es gab ein Trainingslager für den Wittenberger Hammerschlag, die angeblichen Boni für gute Taten, leiteten über zu Mercedes und Dieter Zetsche. Und schon erklang passend »Money, money, money« von ABBA am Klavier. Luther habe bei seinem Wort »Hier stehe ich« wie ein Fels in der Brandung gestanden, deshalb spielte Roth am Klavier »He was a rock«.

»I will follow him« aus »Sister Act« stamme ja von damals Noch-nicht-Ehefrau Katharina. In ihren, neuerdings aufgetauchten Tagebüchern stehe, sie habe auch gesungen »Dieser Mann, dieser Mann zieht mich unwahrscheinlich an«. Nach einem Liebesbrief, den Luther an seine Frau geschrieben haben soll, erklang »Marmor, Stein und Eisen bricht«, und der ganze Saal sang mit. »Let it be« von John Lennon war die musikalische Entsprechung beim Stichwort »Toleranz«, das auf Luther nicht zutraf.

Am Schluss hieß es »Alles in Butter, wir feiern den Luther«, und alle applaudierten begeistert. Brigitte Janoschka