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Liebenswertes Kammerkonzert der Musikschule Trostberg

»Aimez-vous Brahms? – Lieben Sie Brahms?

Der Romantitel »Aimez-vous Brahms?« der französischen Schriftstellerin Francoise Sagan gab das Motto für einen wohlgelungenen Abend bei der Klassikreihe der Musikschule Trostberg im Postsaal. Dazu war der Saal zweckdienlich für ein intimes Konzert umgerüstet worden: die Bühne für die fünf Künstler, die alle an der Musikschule unterrichten, stand an der Längsseite des Raumes, hufeisenförmig umrahmt von den Besucherstühlen.

Unser Bild zeigt (von links) Brigitte Schmid, Marlene Noichl, Rebekka Thois und Alejandro Vila sowie Barbara Lübke-Herzl bei der Zugabe »Ein kleiner hübscher Vogel«. (Foto: E. Kaiser)

Vierhändig am Flügel begannen Rebekka Thois und Alejandro Vila das Brahms-Konzert. Aus den 18 Liebeslieder-Walzern op. 52a hatten neun Titel aufgelegt, kurze, liebenswerte Stücke zu Texten von Friedrich Daumer aus dessen »Weltpoetischem Liederbuch« Polydora (1855). Mit diesen von Liebessehnsucht und Liebesgewissheit geprägten Kompositionen hatte sich Brahms endgültig in die Herzen der Wiener »gespielt«; auch das Trostberger Publikum war begeistert von den mal zarten, mal heiter-neckischen, oft schwärmerisch-sehnsüchtigen, koketten, aber auch sehr bestimmten Melodien. Die Nr. 6 (»Ein kleiner hübscher Vogel«) mit ihrem gefühlvollen Trio erklang besonders lieb; man hörte sie in anderer Gestalt als Zugabe wieder.

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Für seinen Solovortrag am Flügel hatte Alejandro Vila von den zwei Rhapsodien des Opus 79 nicht die beliebte und wirkungssichere in g-Moll gewählt, sondern die herb-pathetische op. 79,1 h-Moll, komponiert 1879 im Urlaub in Kärnten. Der Begriff »Rhapsodie« sagt es bereits: es ging hier um stürmische, heroische Ansprüche, die dem Pianisten einiges abverlangten. Doch neben den vollgriffig-zupackenden Passagen arbeitete Alejandro Vila auch die lyrischen Intermezzi fein heraus und fand nach großem Aplomb ein melancholisch-ruhiges Ende.

Mit Alejandro Vila am Flügel spielte Marlene Noichl die Sonate für Klarinette und Klavier op. 120 f-Moll. Mit weit ausholenden Körperbewegungen unterstrich sie die komplizierten musikalischen Entwicklungen des 1. Satzes (Allegro appassionato), erforschte zusammen mit Alejandro Vila, der ihr Mitgestalter, nicht nur Begleiter war, gründlich auch die folgenden Teile. Das Andante stellte viele Fragen, fand doch immer zu einer befriedigenden Antwort und zu einem harmonischen Schluss. Das Allegretto grazioso kam wie ein veritabler Ländler daher, formulierte vitale Zustimmung zum Leben und führte direkt zum Finale (Vivace), das ganz entspannt und kunstvoll-spielerisch wie befreit von den Ängsten des 1.   Satzes fröhlich und zuversichtlich endete.

Einen gewichtigen Anteil am Gelingen des Abends hatte die Trostberger Musikwissenschaftlerin Johanna Steiner. Ihre Moderation nach dem Motto »reiches Wissen konkret an die Zuhörer bringen« erschloss viele Details der Musikstücke, besonders beim Trio für Klavier, Violine und Violoncello H-Dur op.8. Brahms hatte es 1854 komponiert und 35 Jahre später gewaltig umgearbeitet und gekürzt. Diese abgeklärte und dabei doch intensivierte Fassung realisierten Rebekka Thois, Brigitte Schmid und Barbara Lübke-Herzl in einer faszinierend ehrlichen Gestalt. Das hochmelodiöse, mit reichem Material umspielte Hauptthema des Kopfsatzes entwickelten die Drei mit Temperament und Gefühl. Auch das Scherzo hatte diesen Beginn der Verhaltenheit, zu der es aus den rhythmisch betonten Passagen immer wieder zurückfand – großartiges Musizieren zu dritt.

Das folgende Adagio wurde zu einem Höhepunkt des Abends. Choralklänge des Flügels, von den Streichern aufgefangen und volksliedhaft betrachtet, berückten in ihrer inneren Leuchtkraft. Sehr intensiv und unergründbar endete das Trio in einem Allegro ehrlichen Aufbegehrens und trauriger Schönheit, quasi einem Aufarbeiten alter Erinnerungen.

Die Zugabe führte das begeisterte Publikum zurück zu den Liebesliedern: der »kleine hübsche Vogel« bezauberte auch in der »gesungenen« Fassung durch alle fünf Musiker. Engelbert Kaiser