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Abheben und Ankommen

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Sternstunden für Jazz-Freunde bescherten das Christian Elsässer Orchestra mit Gesangssolistin Veronika Zunhammer (Mitte). (Foto: Benekam)

Jazz ist ein musikalisches Genre, das sich im Traunreuter k1 noch durchsetzen muss, um weiterbestehen zu können. Mit dem alljährlichen Konzert des Christian Elsässer Orchestra ist aber, wie man erleben konnte, ein großer Schritt in die richtige Richtung getan, denn bei gutem Vorverkauf durfte die 19-köpfige, preisgekrönte Big Band unter der Leitung des Jazzpianisten und Komponisten Christian Elsässer vom Studio in den großen Saal »aufsteigen«.


Nicht zu unterschätzen an diesem erfreulichen »Aufstieg« ist das Mitwirken der beliebten, aus Traunreut stammenden Jazzsängerin und Komponistin Veronika Zunhammer, die mit strahlkräftiger Stimme und funkelnder Präsenz dem Orchester zum ultimativen Glanz verhilft. Obwohl die charmante Sängerin mit ihrer anziehenden und anrührenden Stimmfärbung gleich nach kurzer Begrüßung mit der umarrangierten Richard Rogers-Nummer »With a Song in My Heart« gleich wieder im Off verschwand, fühlten sich die positiv aufgeladenen Zuhörer von der grandios aufspielenden Big Band mehr als entschädigt.

Denn die folgende, 45-minütige Suite »Tides« (Gezeiten) aus Elsässers CD »Rise & Arrive«, die den ersten Konzertteil ausfüllte, war eine Offenbarung dessen, was gute Musik bewirken kann. 45 Minuten durchliefen die dem Alltag entronnenen Zuhörer eine Reise in »andere« Welten, von denen es sich zu träumen lohnt. Ein Ausflug in gehörte und gefühlte Naturphänomene, die, in drei Sätze aufgeteilt, allen vielversprechenden Titelbezeichnungen voll gerecht wurden.

»Overturning Oceans« (Part 1) spiegelte musikalisch die Kraft der Meere, das wechselhafte Wellenspiel, die Gezeiten, aber auch die geheimnisvolle Unterwasseratmosphäre wider – ein abenteuerlicher Tauchgang in aufregend kolorierte Hörerlebnisse mit spannenden Soli auf Schlagzeug, Posaune, dann wieder sacht harmonisch beruhigende Piano- und Bassläufe, die von kraftvollen Bläsereinsätzen abgelöst in neue Themen führen.

»Clouded Sunbeams« (Part 2) thematisiert die Naturwelt über den Meeren, das Perforieren von Sonnenstrahlen durch Wolkenformationen, deren Strahlkraft und Brillanz Elsässer kompositorisch zum Leuchten brachte: Schwebende Bläserstimmen lassen Schwerelosigkeit assoziieren, ein atemberaubendes Klarinettensolo erzählt von Freiheit und Unbekümmertheit: Das war der Moment, in dem sich die Zuhörer unweigerlich fallen ließen, den Nacken entspannten, die schweren Schultern sacken ließen, also die »Last« des Lebens von anrührenden Piano-, Bass- und Gitarrensoli mit meditativen Strömungen hinwegpusten ließen – effektive Burnout Therapie.

»Rise & Arrive« (Part 3) schließlich hält das Versprechen des »Abhebens und Ankommens« im Sinne eines »musikalischen Jakobswegs«. Intensives Auseinandersetzen mit großen Gefühlen, innere Einkehr, Ankommen und Frieden – Musik, die beruhigt und zugleich anregt, die Hoffnung und Mut macht und nicht zuletzt gespannt aufhorchen lässt. Dafür gab es im Saal euphorischen Applaus und Bravorufe.

Im zweiten Konzertteil durften sich die Zuhörer auf weitere Big Band- und Vocalhighlights freuen. »Sloppy Joe« als Schockverarbeitung einer kulinarischen Begegnung mit einem überdimensionalen Hamburger in New York (…was sich nicht alles in Noten transferieren lässt), »Serina’s Journey«, ein Song, der von einer reiselustigen Freundin Zunhammers erzählt, »Close Enough for Love«, ein auf Zunhammers Stimme maßgeschneidertes Arrangement (Elsässer) und »Just the Stars«. Ein besonderer Genuss, nicht nur für junge Eltern, war eine Komposition für Elsässers kleine Tochter Emilia, mit der er musikalisch den Ablauf ihres Babyalltags im Zeitraffer illustriert: Erwachen, Spielphase, müde werden mit Quengeltönen, die in ein wütendes Klanggewitter (Schreien) übergehen und mit folgender Schlafliedkomposition (Posaune und Klarinetten Soli) beruhigt.

Mit »Ivan’s Song«, einem Tribute für einen geschätzten brasilianischen Singersongwriter klang das Konzert aus, ging aber mit der vielleicht schönsten Bearbeitung von Paul Simons Ballade »American Tune«, in der Veronika Zunhammer noch einmal stimmlich fein, aber mächtig, die Nummer zum Blühen brachte, in Verlängerung. Ein reichhaltiger und intensiver Jazz-Abend, der Lust auf mehr macht. Kirsten Benekam