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»Aba heit is's koit« – Die Schäffler kommen

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Höchste Konzentration ist gefragt – vorne im Bild ist Martin Willeitner, Schäffler seit 1991. (Fotos: Meister)
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Andreas Renoth, der neue Chef der Truppe.

Berchtesgaden – Alle sieben Jahre wird der legendäre Schäfflertanz aufgeführt, immer zur Faschingszeit. Nun ist wieder Schäfflertanzzeit. Seit November letzten Jahres wird geprobt, emsig und mit vollem Körpereinsatz. Am 23. Februar wird auf dem Berchtesgadener Salinenplatz die Premiere sein und dann sind in den folgenden fünf Tagen immense 73 Tänze vorgesehen. Sogar ein Abstecher nach Bad Reichenhall ist geplant. Für diesen Mammutrhythmus müssen sich die Tänzer wappnen, also Kondition und Anmut trainieren, um alles gut durchzustehen.


Im Foyer des Gymnasiums in Berchtesgaden spielen Musiker der Marktkapelle in Dauerschleife »Aba heit is's koit«, obwohl selbst bei durchtrainierten Tänzern bald die Schweißperlen auf der Stirn stehen. Noch tragen alle Mitwirkenden zivil. Es sind noch ein paar Proben notwendig, bis alles perfekt sitzt. Die Mannschaft ist gut aufgestellt und hat viele Positionen mehrfach besetzt, um die Riesenaufgabe mit Grazie über die Bühne zu bringen. Alternierend, sagt man in der Theatersprache. Das ist bei einem solchen groß angelegten Unterfangen erst recht nötig.

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Zeremonienmeister korrigieren gelegentlich Armhaltungen und Hüftschwünge. Über allem wacht Andreas Renoth, Oberschäffler und Abteilungsleiter Schäfflertanz im TSV Berchtesgaden, der die Truppe mit viel Einsatz und Engagement schon sehr weit nach vorn »getrieben« hat. Noch einige Male das Foyer umkreisen, noch ein paarmal »Aber heid is's koit«, dann passt es.

Die Mitwirkenden tanzen im dem typischen Schäfflergwand aus schwarzer Kniebundhose, weißem Hemd und Wadlstrümpf, roter Jacke mit weißem Revers und grüner Kappe mit weißem Federbuschen. Wichtig sind auch brauner Lederschurz und schwarze Allgäuer mit Metallschnalle. Und nicht zu vergessen die Buchsbögen, die zum typischen Tanzbild gehören. Dann kann es losgehen mit Reifentanz, Krone, Laube, Kreuz, Schlange oder Kreisen. Ein paar Tage ist noch Zeit. Auch für die Kasperl, die sich noch spezielle, jeweils an den Auftrittsorten orientierte Späße ausdenken können, mit dem sie das Publikum erheitern wollen. Und vielleicht auch so manchen Zuschauer derblecken.

Kinderkasperl gehören dazu, springlebendige und Freude versprühende Nachwuchsschäffler, die den Tanzreigen unermüdlich umkreisen. Die dürfen allerdings ihre mitlaufenden Reifen noch nicht so einsetzen, wie es der Hanswurst oder Kasper tun muss. Es mag ein wenig an künstlerische Sportgymnastik erinnern, wenn er gekonnt und ganz sicher durch emsiges Üben den blau-weißen Reifen in kunstvollen Drehungen und Figuren kreisen lässt. Anders als bei den grazilen Gymnastinnen hat er aber eine zusätzliche Schwierigkeit zu bewältigen. An einer leicht abgeplatteten Stelle des Gerätes steht ein randvoll gefülltes Schnapsglas, das auch nach allen wilden Schwüngen noch randvoll sein muss.

Graziös sind zweifellos alle Tänzer. Mancher Betrachter wird an ein in barocken Festsälen oft zelebriertes Menuett erinnert werden, wenn die Herren mit ernstem Gesicht ihre Tanzfiguren schreiten. Zelebrieren darf man durchaus sagen. In den angewinkelten Armen die Griffe der Buchsbögen, die Beine in anmutigem Schritt wohl gesetzt. Es ist bei aller Gaudi durchaus auch ein kraftraubender Sport.

Und weil bis jetzt kein Fass vorkam in dieser Schäfflertanz-Schilderung: Es gibt natürlich eines. Wenn das aktive Personal der Berchtesgadener Schäffler als Querschnitt durch die Altersgruppen beschrieben wird. Die beiden Fassklopfer sind das absolute Seniorenduo. Dieter Schweiger, jahrzehntelang Mitglied der Schäfflertruppe und fast genausolang Vorsitzender der Abteilung im Verein, wurde reaktiviert, sagt Werner Böhnlein schmunzelnd. Der fast 83-Jährige hatte eigentlich schon Abschied genommen vom aktiven Mittun, aber nun wird er gebraucht. Er liefert zuverlässig mit Partner Franz Fischer die 16 Takte am Fass und lächelt in den Raum.

Es gibt eine ganze Reihe von Geschichten um den Schäfflertanz, die sich, je nach Ausschmückungslust, aber alle um die Pest ranken. Das ist alles schon lange her, mehr als ein halbes Jahrtausend. Die Legende sagt, dass 1516 wieder einmal die Pest wütete. Das bereitete natürlich Trübsinn im Lande und täglich sank die Einwohnerzahl. Und wer noch lebte, vermied die Öffentlichkeit. Und da sollen es die Schäffler, die Fassbinder, gewesen sein, die das der Lebensfreude entwöhnte, traurige Volk wieder auf die Straßen lockte. Mit allerlei Späßen und Faxen und somit tanzend das Ende der Seuche verkündeten.

1702 wurde der Schäfflertanz in München erstmalig nachgewiesen. Und ehe es zum Brauchtum wurde, vergingen noch einmal knapp sechs Jahrzehnte, denn seit 1760 wird der Schäfflertanz regelmäßig alle sieben Jahre in München aufgeführt. Und was München kann, kann die »bayerische Provinz« schon lange. Allerdings brauchte es seine Zeit, bis sich die Choreografie des Schäfflertanzes im Lande verbreitete. Wandernde Schäfflergesellen sollen den Brauch ab 1830 verbreitet haben. Zu den mehr als 30 Kommunen, die den Schäfflertanz bis heute akribisch pflegen, gehört Berchtesgaden.

Dort wird der Brauch so ernst genommen, dass der größte Sportverein im Ort, der Turn- und Sportverein (TSV) Berchtesgaden, dem Schäfflertanz schon lange eine eigene Abteilung bereitstellt, damit alle sieben Jahre tanzend und derbleckend zur Faschingszeit Plätze und Höfe bespaßt werden.

Vermutlich hat man das lustige Treiben der Schäffler im Jahre 1702 noch nicht mit dem prägnanten Musikstück »Aba heit is's koit« von Franz Pollak akustisch garniert. Der Komponist, Dirigent und Trompeter wurde erst 1870 geboren und lebte bis 1938. Und Fassbinder gibt es in Berchtesgaden und Umgebung kaum noch und schon gar nicht so viele, dass sie einen imposanten Reigen aufführen könnten. Das ist allerdings kein Problem, sagt TSV-Vorstand Werner Böhnlein, denn die Tänzer rekrutieren sich aus verschiedenen Abteilungen des Vereins, freiwillig und gern. Nahezu alle Altersgruppen sind vertreten. Für Böhnlein war es überraschend und erfreulich, dass sich viele Junge Leute zum Mitmachen gemeldet haben.

Die Probe nähert sich der Pause. Noch einmal mit Grandezza die Beine strecken, noch einmal 16 Takte am Fass, noch einmal ein paar Runden der ausgelassenen Kinderkasperl. Auf dem Fass steht jetzt Andreas Renoth selbst als Kasperl, schwingt den Reifen, improvisiert die Rede, die er im »Ernstfall« an das verehrte Publikum richten wird. Und abschließend gibt's noch ein paar Töne von den Marktmusikern, »Aba heit is's koit«. Dieter Meister

 

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