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Überwältigender Kunstgenuss zum Auftakt

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Ein Bild aus der Inszenierung von Puccinis »Turandot« mit Trine Moeller als Turandot und Thomas Paul als Prinz Calaf. (Foto: Immling/Repro:Giesen)

Mit insgesamt 200 Musikern aus über 30 Nationen ist der Auftakt zum 23. Musikfestival auf Gut Immling zu einem überwältigenden Musik- und Kunstgenuss für alle Sinne geworden. Unter der musikalischen Leitung von Cornelia von Kerssenbrock und der Inszenierung und Bühnengestaltung von Ludwig Baumann wurde Giacomo Puccinis letzte, von ihm nicht mehr ganz vollendete Oper »Turandot« aus dem Jahr 1924 auf die Bühne gebracht.


Das sagenhafte Bühnenbild und die schönen Gewänder, gestaltet von der Künstlerin Ekaterina Zacharowa, und das wunderbar dazu harmonierende Lichtdesign von Arndt Sellentin zogen das großenteils prominente Publikum aus Politikern, Industriellen und bekannten Künstlern schlagartig in ihren Bann. Auf der Bühne entwickelte sich das berühmte »lyrische Drama« in drei Akten von Giacomo Puccini, das erst im April 1926 in der Mailänder Scala uraufgeführt wurde, nachdem es von Puccinis Freund Franco Alfanos im Geist seines Schöpfers nach dessen Skizzen vollendet worden war.

Puccini war wie Verdi ausschließlich Opernkomponist. Vom großartigen Videodesign von Maximilian Ulrich unterlegt, entspinnt sich das tragikomische Märchenspiel »Turandot«, 1762 von Carlo Gozzi nach der persischen Märchensammlung »Tausendundein Tag«. An dem komplizierten Inhalt haben sich so manche Autoren abgearbeitet, darunter auch Schiller und Bertolt Brecht.

Meist vor dem Volk auf dem Platz vor dem Kaiserpalast in der Verbotenen Stadt in Peking entwickelt sich das Drama um den unbekannten, persischen Prinzen Calaf und die rachesüchtige, schöne Prinzessin Turandot, die sich geschworen hat, die Verschleppung und Vergewaltigung ihrer Vorfahrin an allen Män-nern zu rächen. So wurden auf ihr Geheiß bereits Hunderte von Freiern grausam ermordet, die nicht in der Lage waren, drei Rätsel zu lösen, die Turandot ihnen stellte. Thomas Paul als Prinz Calaf mit klangvollem Tenor lässt sich auch von den Warnungen seines entthronten kranken Vaters, König der Tataren, Timur (Ivo Stanchev) und dessen treuer Begleiterin Liú nicht abhalten, sein Glück zu versuchen.

Die Rolle der Sklavin Liú, die sich später sogar für Calaf töten lässt, wurde mit unvergleichlich eindringlichem, weichem Sopran wunderbar gesungen von der Spanierin Beatriz Diaz, die dafür mit den meisten Applaus des Abends erntete. Prinzessin Turandot, mit schöner Stimme und vollem Volumen gesungen von der dänischen Sopranistin Trine Moeller, erscheint selbst erst spät auf der Bühne, während ihr greiser Vater, Kaiser Altoum (Aliahmad Ibrahimov) vom Komponisten gewollt, oft präsent über allem thront, aber selten seine Stimme erhebt. Weitere wichtige Rollen sind die drei Minister Ping (Luthando Qave, Bariton aus Südafrika), Pang (Yu Hsuan Cheng, Tenor, Taiwan) und Pong (Sergiu Saplacan, Tenor, Rumänien), die häufig auf der Bühne, teils witzig, teils dramatisch und schauspielerisch perfekt, das Geschehen auf der Bühne vorantreiben.

Ganz besondere, großartige Akzente im Bühnengeschehen setzte Yan Tung Chang aus Honkong: Sie ist Weltmeisterin im Kung-Fu und gewann im Alter von 20 Jahren mehrere Medaillen bei Weltmeisterschaften. Sie wurde zur »Studenten-Kampfkunst-Sportlerin des Jahres« in Hongkong gewählt und unterrichtet heute beim Zollamt für Fluggesellschaften, in Blinden- und Altenheimen oder Universitäten. Beim frenetischen Abschlussapplaus mit allen Künstlern zeigte sich, dass die Kung-Fu-Meisterin zwar körperlich gesehen »die kleinste« war, von der Bühnenpräsenz her aber wohl eher »die größte«.

Höchstes Lob verdient darüber hinaus der Festivalchor Immling, der mit fast 100 musikbegeisterten Sängerinnen und Sängern aus einem Einzugsgebiet von München bis Salzburg das Fundament des ganzen klangstarken Ensembles bildete; selbstverständlich zusammen mit dem Festivalorchester, das über die Jahre von Cornelia von Kerssenbrock auf dem musikalischen Fundament des staatlichen Kammerorchesters Tiflis aufgebaut und um junge, internationale Instrumentalisten ergänzt wurde.

Vor Beginn der Premiere schien das wechselhafte Wetter ein Einsehen mit dem großen Ereignis zu haben und zeigte sich schwülwarm mit gelegentlichem Wind von seiner angenehmen Seite. In der Pause jedoch regnete es »aus allen Kübeln«, sodass unvorsichtige Besucher - ohne Schirm - alle Mühe hatten, einigermaßen trocken in die umliegenden Service- und Bewirtungslokalitäten zu kommen. Aber gerade diese unvorhersehbaren Wetter- und sonstigen Kapriolen machen den unvergleichlichen Charme des Musikfestivals von Immling aus. Die neue Inszenierung von »Turandot« ist ein unbedingtes Muss für Opernfreunde und natürlich solche von Gut Immling. Christiane Giesen