weather-image
21°

16 000 Höhenmeter als Mittel gegen Depression

4.8
4.8
Bildtext einblenden
Mit seiner Zehn-Gipfel-Tour machte Markus Maldinger (r.) auf die Arbeit der Deutschen Krebshilfe aufmerksam. »Anzeiger«-Redaktionsleiter Ulli Kastner hatte ihn dabei mit einigen Zeitungsbeiträgen unterstützt. Foto: Anzeiger/Marschner

Berchtesgaden – Ein tagelanges Auf und Ab kennzeichnete Markus Maldingers Zehn-Gipfel-Tour letztes Jahr im Juli in den Berchtesgadener Bergen. Ohnehin sind dem 46-jährigen Mannheimer Höhen und Tiefen bereits aus dem alltäglichen Leben gut bekannt, denn Hintergrund für das ehrgeizige Projekt unter dem Titel »Klettern gegen Krebs« war eine traurige Geschichte, die der sympathische Bergfex am Donnerstag auf der BERGinale im kleinen Kreis erzählte.


In seiner Begrüßung drückte Ulli Kastner, Redaktionsleiter des »Berchtesgadener Anzeigers« und Mitbegründer der BERGinale, tiefste Bewunderung für seinen Freund Markus Maldinger aus: »Ich habe seine Geschichte von Anfang an mitverfolgt und auch darüber im ›Berchtesgadener Anzeiger‹ berichtet. Ich freue mich sehr, dass Markus so mutig ist, diese traurige Geschichte mit uns zu teilen«.

Das Thema Krebs verfolgt Maldinger seit dem Jahr 2012. Er war gerade mit seinen Freunden vom »Psycho-Wanderkreis« am Lion Grat des Matterhorns unterwegs, als der Anruf seiner Lebensgefährtin kam. »Ich kann mich noch ganz genau an das Telefonat erinnern, als ich diese drei schrecklichen Wörter aus ihrem Mund hörte: Ich habe Krebs!«

Ab da änderte sich das Leben der beiden komplett. Nach einer langen Odyssee von Arzt zu Arzt beschloss Maldinger, den Kopf nicht in den Sand zu stecken, sondern etwas gegen diese »Ohnmacht, nicht helfen zu können« zu unternehmen. Die erschütternde Diagnose hatte den Anstoß für das Bergprojekt gegeben, mit dem er auf die Arbeit der Deutschen Krebshilfe aufmerksam machen und Spenden sammeln wollte. Die Entscheidung für die Berchtesgadener Alpen fiel ihm nicht schwer, denn von 1990 bis 1998 war er bei den Struber Gebirgsjägern stationiert und kennt sich in den hiesigen Bergen gut aus.

Nachdem die Infoprospekte gedruckt worden waren, die er in jeder Hütte und auf jedem Gipfel hinterlegen wollte, der Kontakt zum »Berchtesgadener Anzeiger« für die Öffentlichkeitsarbeit geknüpft sowie die Route geplant worden war, ging es am 1. Juli 2013 mit 18 Kilo auf dem Rücken los auf eine Tour voller Überraschungen, neuer Eindrücke und einiger Hürden.

Gestartet wurde am Purtschellerhaus am Hohen Göll, wo er auch seine erste Nacht verbrachte. »Nur schlafen konnte ich nicht, der Gedanke an Zuhause ließ mir keine Ruhe. Die Sorge um meine Freundin begleitete mich 24 Stunden am Tag«, so Maldinger traurig. Schnell erreichte er gegen Mittag des nächsten Tages mit dem Hohen Göll seinen ersten Gipfel auf 2 522 Metern. Nach der Besteigung des »Großen Archenkopfs« sah Maldinger von weitem bereits die enormen Schneefelder, die ihm Sorgen bereiteten. Immer wieder sank der Bergfex im tiefen Schnee bis zur Hüfte ein, auf drei verschiedenen Wegen versuchte er weiter Richtung Hohes Brett zu gelangen.

Doch es war aussichtslos, die Zeit lief gegen ihn und es gab nur noch eine Möglichkeit: den Abstieg durch das Alpeltal. 1 200 Höhenmeter ging es talwärts. »Nach einer guten Ewigkeit kam ich auf den Weg zum Jenner«. über den er mit erheblicher Verzögerung noch das Stahlhaus erreichte. Trotz des zwischenzeitlichen Frustes waren die nächsten Gipfel am Tag danach bei schlechtem Wetter schnell erreicht: Hohes Brett, Schneibstein und Kahlersberg.

Der Weiterweg über das Hagengebirge zog sich gewaltig in die Länge. Bevor es so richtig zu regnen begann, erreichte Maldinger erleichtert die Wasseralm. Bei starkem Regen ging es schließlich weiter zum Kärlinger Haus. Am nächsten Tag gab es keine Wetterbesserung, sondern starker Nebel erschwerte den Weg zum Gipfel zusätzlich. Nummer sechs, die Funtenseetauern, erreichte er unter erschwerten Bedingungen.

Über den Rinnkendlsteig erreichte Maldinger tags darauf die Kührointalm. Von hier aus stand der Gipfel des Kleinen Watzmanns auf dem Programm, den der Mannheimer bei starkem Nebel bestieg. Schon ziemlich gezeichnet von den letzten Tagen nahm Markus Maldinger schließlich die letzte Etappe in Angriff. Im Watzmannhaus angekommen, wurde er von den Hüttenwirten Annette und Bruno Verst herzlich begrüßt. Am zehnten Kletter- und Wandertag stand der 46-Jährige endlich auf den letzten drei Gipfeln: Hocheck, Mittel- und Südspitze des Watzmanns.

Weil Markus Maldinger nicht nur gerne Berge besteigt, sondern auch sehr hilfsbereit und kommunikativ ist, blieb er ein wenig länger als geplant im Watzmannhaus, um den Wirtsleuten bei ihrer anstrengenden Arbeit zu helfen. Vielleicht wollte der Mannheimer das Projekt damit aber auch ein wenig verlängern, denn es zog ihn keinesfalls ins Tal zurück.

Das erreichte er dann aber doch und beendete damit sein Abenteuer. Insgesamt 16 000 Höhenmeter hatte er bei seinen Auf- und Abstiegen mit dem 18 Kilo schweren Rucksack zurückgelegt. Alle Prospekte für die Deutsche Krebshilfe hatte er auf der Tour verteilt, jeder Cent, der auf dem Spendenkonto eingeht, soll die Arbeit der Deutschen Krebshilfe unterstützen. Die Spendenaktion sollte aber auch Krebspatienten und deren Angehörigen zeigen, dass sie nicht vergessen und nicht alleine sind. Dabei kam bis jetzt die stolze Summe von 2 932,55 Euro zusammen.

Nach dem Abenteuer eilte Markus Maldinger schnell zu seiner kranken Frau, die er wenige Tage vor Antritt seiner Reise noch geheiratet hatte, zurück. Die Freude über die Tour konnte Markus mit seiner Partnerin nur noch vier Monate teilen. Sie verstarb am 24. Oktober 2013 – nur ein Jahr nach der harten Diagnose. »Da war das andere Ende am Seil von mir gegangen«, sprach Markus Maldinger leise in den Saal.

Silvester 2013 reiste Maldinger erneut ins Berchtesgadener Land, um ganz alleine zum Jahreswechsel an der einsamen Südflanke des Watzmanns Abschied zu nehmen – von der Tour und von dem schweren Jahr, das hinter ihm lag. Maldingers Fazit: »Ein Teil von mir ist gestorben, aber die Botschaft dieser Aktion ist nicht gestorben«. Susann Marschner