weather-image
26°
TV-Tipp

1001 Nacht

1001 Nacht
Die schöne Scheherazade (Crista Alfaiate). Foto: O Som e a Fúria/Shellac ARTE France/ZDF Foto: dpa

In dem Film «1001 Nacht» erzählt eine moderne Scheherazade einige Alltagsgeschichten aus der jüngsten portugiesischen Geschichte.


Berlin (dpa) - Die politische Lage in Europa ist für viele Menschen nicht gerade märchenhaft. Ein portugiesischer Film beleuchtet nun das Schicksal diverser Figuren in Form einer Märchenerzählung, die jedoch ohne prunkvolle Paläste oder fliegende Teppiche auskommen muss. Der Dreiteiler «1001 Nacht» ist an diesem Mittwoch ab 20.15 Uhr auf Arte komplett zu sehen.

Im ersten Teil, «Der Ruhelose» (ab 20.15 Uhr), sitzt ein Regisseur an einem Cafétisch. Er erzählt, dass er seine Arbeit liebt, es ihn aber förmlich zerreißt, wenn er über eine Werftenkrise berichten muss, die über 600 Hafenarbeitern ihren Job kosten wird. Oder über die stark gefährdeten heimischen Bienen und deren Honigproduktion, die von einer asiatischen Wespenart bedroht werden, deren Nester nun mühsam ausgebrannt werden sollen.

Er versucht, einen metaphysischen Zusammenhang zwischen diesen beiden Ereignissen herzustellen, die beide zur gleichen Zeit und am gleichen Ort stattfinden - allein, es mag ihm nicht gelingen. Zurück bleiben ein ratloses Filmteam und die schöne Scheherazade, die nun die Aufgabe des Regisseurs übernimmt und zu erzählen beginnt: von der «Insel der Jungfern aus Bagdad», von den «Männern mit einem Steifen» (gemeint sind EU-Beamte mit Erektionsstörungen), von der «Geschichte vom Hahn und dem Feuer» und vom «Bad der Prächtigen».

Mit «Der Verzweifelte» ist Teil 2 (ab 22.15 Uhr) überschrieben, und hier geht es um «Eine Chronik der Flucht von Simao‚ 'ohne Gedärme‘», «Die Tränen der Richterin» und «Die Besitzer von Dixie». Dixie ist ein kleiner weißer puscheliger Hund, der nacheinander verschiedene Herrchen hat, allesamt Bewohner eines Hochhauses. Der Hund liebt jeden neuen Besitzer von ihm so, als ob es nie einen anderen gegeben hätte. Diese Charaktereigenschaft mag sinnbildlich für die Beziehungen von Menschen stehen, die in diesem Haus kommen und gehen, sich lieben und wieder verlassen. Teil 3 («Der Entzückte», ab 0.25 Uhr) handelt vom «Chor der Buchfinken», «Heißer Wald» und erzählt vom 515. Tag der Erzählungen der Scheherazade (Crista Alfaiate).

Auch wenn sich der gut sechsstündige Film der Erzählstrukturen der Vorlage der Scheherazade bedient, so will er doch keine Adaption dieses Buches sein. Die Geschichten mitsamt ihren Figuren basieren vielmehr auf wahren Begebenheiten, die sich vom August 2013 bis zum Juli 2014 in Portugal ereignet haben. Der Film übt erkennbar Kritik an der Sparpolitik der damaligen Regierung unter Premier Pedro Coelho. Er macht ihr das Fehlen jeglicher sozialer Gerechtigkeit zum Vorwurf, wodurch viele Menschen in Armut gestürzt worden sind. Im Film gehen Fiktion und Dokumentation scheinbar mühelos ineinander über, die Bilder (Kamera: Sayombhu Mukdeeprom) zeigen geradezu epische Landschaften und vom Leben gezeichnete Menschen.

Regisseur Miguel Gomes (46, «Tabu - Eine Geschichte von Liebe und Schuld») ist der Mann vom Beginn des Filmes. Er bedient sich oft einer ziemlich verwackelten Handkamera. Sein filmisches Triptychon ist vor allem für den Zuschauer ein gewagtes und radikales Experiment und auch deshalb anstrengend, weil es viel vom Scheitern erzählt.

Dabei wollte Gomes doch einen bunten Film machen, voller wundervoller und verführerischer Geschichten, wie er selbst im Film sagt, dies zugleich aber «als die dümmste Idee seines Lebens» betrachtet. Er wollte ein Jahr lang Portugals aktuelle und unglückliche Situation verfolgen und kommt zu dem Schluss: «Man kann keinen militanten Film machen, der plötzlich nicht mehr militant ist und der Realität zu entfliehen beginnt. Das wäre verantwortungslos und eitel. Ich habe das Gefühl, mitten in einem Sturm zu stehen und zugleich in einer Sackgasse».

1001 Nacht auf Arte